Vom Tempelhofer Niederland zur Tempelhofer Vorstadt

Johann Heinrich Hintze (1800–1861), Blick vom Kreuzberg, 1829

Illustrirter Fremdenführer durch Berlin und Potsdam. Mit einer Schilderung des Berliner Volksleben, etc, Hans WACHENHUSEN, 1858 :

Das (…) Gebiet(…) bis zum Landwehrkanal war bereits 1861 als „Tempelhofer Vorstadt“ Berlin einverleibt worden. Davor gehörte es zur Tempelhofer Feldmark und war als Unter- oder Niederland bekannt. Im Norden wurde es durch den schon 1450 erwähnten Floßgraben begrenzt, dessen Verlauf infolge der Anlage des Belle-Alliance-Platzes im Jahre 1734 verändert wurde. Die von ihm bewirkten häufigen Überschwemmungen endeten erst mit dem Bau des Landwehrkanals 1845/50.

Die wenig fruchtbare Ebene bewirtschafteten die Tempelhofer Bauern seit alters z. gr. T. in Dreifelderwirtschaft, wobei ein Teil der Fläche als Koppel diente. Die Aufteilung der Flur erfolgte erst 1832. Einen genauen Einblick in diesen Vorgang gewährt die Separationskarte1, aus der wir auch die Namen der beteiligten Bauern entnehmen können, unter denen sich die aus der Tempelhofer Geschichte bekannten Familien Berlinicke, Bredereck, Schulze, Dilges, Dunkel und Grunack befanden. Das Krug- und Lehnschulzengut, die Kirche und einige Kossäten (Fuhrmann und Hoeft) besaßen ebenfalls Anteile am Unterland. Gemeinsamer Besitz der Bauern blieben bis 1856 der Upstall und ein als „Mist“ bezeichnetes Stück Land im Winkel zwischen Mühlenweg (heute Obentrautstraße) und dem nicht mehr erhaltenen Weg nach Schöneberg, der einst von der Obentraut- Ecke Großbeerenstraße ausging. Bei der Bezeichnung „Mist“ wird es sich um einen Platz für die Abfallstoffe gehandelt haben, die die Bauern aus Berliner Senkgruben holten. Der Upstall war eine umfriedete Weidefläche, auf der das Vieh im Sommer übernachtete.

Bald nach der Separation war ein schmaler nördlicher Streifen des Upstalls an das Kriegsministerium zum Bau einer Kaserne abgetreten worden. Für die Nachthütung verblieb ein Gebiet zwischen dem heutigen Mehringdamm, der Hagelberger, Großbeeren- und Yorckstraße. Dieses restliche Upstallgelände wurde 1856 an die Bauern aufgeteilt. Sie gaben damals für die Anlage der geplanten Straße (der späteren Großbeerenstraße) kostenlos Land ab und verkauften bald ihre schmalen Landstreifen an interessierte Privatleute. — Der Fiskus hatte bereits um das Jahr 1735 einen Streifen am Floßgraben, unmittelbar an der damals von Friedrich Wilhelm I. angelegten Akzisemauer erworben und einen Hasengarten eingerichtet. Um die gleiche Zeit entstand vor dem Halleschen Tor der erste Kirchhof, dem weitere folgten. Sie gehören der Jerusalem- und Neuen Kirchgemeinde, der Dreifaltigkeitsgemeinde, der Böhmischen und Brüdergemeinde. Auf ihnen ruhen die Repräsentanten von Kunst und Wissenschaft im alten Berlin. — Als nächstes wurden die Holzplätze vor die Tore verlegt, es folgten die Mühlen auf dem Randabbruch des Teltow, am Südrand der Tempelhofer Berge. An jene Zeit erinnert der Name Mühlenweg für die heutige Obentrautstraße. In den Gärten westlich des Halleschen Tores gab es seit 1804 eine Kattunfabrik.


Auf dem kahlen Sandberg im Süden, dem einstigen kurfürstlichen, später Götzschem Weinberg, wurde 1821 das noch heute erhaltene Denkmal (von Schinkel geschaffen) zur Erinnerung an die Freiheitskriege 1813—15 eingeweiht. Das „Eiserne Kreuz“ auf der Spitze des Ehrenmals gab dem Berg und 1920 auch dem neuen Bezirk den Namen Kreuzberg. 1825 wurde am Halleschen Tor eine Erziehungsanstalt (heute Postgelände) und 1842 das Rotherstift (heute Stand des Kaufhauses Hertie) gebaut. An dem wenige Jahre später fertiggestellten Schiffahrtskanal erwarben Holzhändler und Fabrikanten von den Bauern Grundstücke. Auf der Südseite des Kanals, zwischen heutiger Möckern- und Ruhlsdorfer Straße gab es die Friedheimsche Orleansfabrik (Weberei und Färberei), Stöckers Pianofortefabrik und die Schraubenfabrik Friedberg. Zwisehen 1850 und 1853 wurde als größtes Gebäude vor dem Halleschen Tor, am heutigen Mehringdamm, eine Kaserne für die Gardedragoner errichtet, jetzt Sitz des Finanzamts Kreuzberg.

Dieser allmählichen Erschließung der Gegend folgte in den 60er und 70er Jahren eine schnelle Entwicklung zum Wohnviertel. Bebauungspläne bestanden schon vor dem Inkrafttreten der Eingemeindungsverordnung von 1861. So basiert der von James Hobrecht aufgestellte Gesamtberliner Bebauungsplan (1) in unserer Gegend auf Plänen vom 28. 4. 1848 und vom 7. 5. 1856. Er mußte aber später teilweise geändert werden, weil die Eisenbahngesellschaft für den Bau der Anhalter Bahn umfangreiches Gelände westlich der Militärstraße (heute Möckernstraße) erwarb und damit die Weiterführung der geplanten Straßen nach Westen blockierte. Es entstand eine Trennungslinie zwischen dem westlichen Teil Berlins und dem heutigen Bezirk Kreuzberg. Die einzigen Verbindungen nach Westen sind die Yorckstraße und das Hallesche Ufer. Die geplanten Straßen in der Umgebung des Ehrenmals auf dem Kreuzberg sollten nach Schlachtorten und Feldherren der Befreiungskriege benannt werden.

(…) Die Preußische Verfassung von 1850 sicherte den Grundbesitzern das Eigentum und die freie Verfügung darüber. Es bestand zwar ein absolutes Enteignungsrecht, man war jedoch unsicher, wer eine Enteignung veranlassen konnte. Klare Verhältnisse schuf erst 1875 das Fluchtliniengesetz. Es besagte, daß das zum Straßenbau benötigte Land unbebaubar sei und enteignet werden könne. Die Stadt konnte bis zum Inkrafttreten dieses Gesetzes nur hoffen, daß die Grundstücksbesitzer den Vorteil einer Straße erkennen, sich einigen und bereitfinden würden, das Straßenland unentgeltlich abzugeben.

1 Der Bebauungsplan nahm keine Rücksicht auf die Grenzen der Parzellen. Es ergaben sich deshalb bei der Planausführung erhebliche Schwierigkeiten. Eine kritische Würdigung des Hobrecht-Plans bringt Ernst Heinrich: Der Hobrechtplan. In: Jb. f. brand. Lg. 1962, S. 41 ff.