Rüstungsbetriebe in Kreuzberg

Die Bemühungen von Großkonzernen und [Nationalsozialisten], die deutsche Wirtschaft auf den Krieg vorzubereiten, hinterließen auch in den kleinen und mittelständischen Betrieben Kreuzbergs Spuren. Der Berlin-Historiker Dieter Hoffmann-Axthelm schreibt in dem Aufsatz „Geschichte und Bedeutung der Kreuzberger Mischung“:
„Erst 1936/37 schlug das Rüstungsprogramm auf die Kreuzberger Situation durch. Das geschah über die neue Flugzeugindustrie. Diese hatte damals ungefähr den motivationalen und katalysatorischen Stellenwert, den heute die Mikroelektronik einnimmt. Schon auf den Schulen war sie das technische Phantasieobjekt schlechthin. Aber sie wurde auch zum realen Arbeitsgebiet der Kreuzberger Metallbetriebe, die sich im Stande zeigten, technische Neuerungen sofort mit ihren erprobten Mitteln in gewünschter Präzision massenhaft zu produzieren, vom Kugellager über Propeller, Motoren bis zu den Schrauben und Karosserieblechen.“ (Kreuzberger Mischung, S.18)

Der konkrete Nachweis, welche Betriebe in Kreuzberg ihre Fertigung auf die Produktion von Rüstungsgütern umstellten, ist schwer zu erbringen, da sehr viele Firmengebäude und -unterlagen im Krieg zerstört wurden. Dokumente des Arbeitsamtes Mitte, in denen alle 1937 registrierten Berliner Rüstungsbetriebe aufgelistet sind, blieben jedoch von der Zerstörung durch die Alliierten bzw. der Vernichtung durch die Nazis selbst verschont. Es handelt sich bei diesen Unterlagen um den Schriftverkehr zwischen den Wehrwirtschaftsstellen, dem Arbeitsamt Mitte und dem Landesarbeitsamt Brandenburg. Er ist im Landesarchiv Berlin einzusehen (Rep 242 Acc 513 Nr.38). Aus diesen Akten geht hervor, daß im Zeitraum von 1935 bis 1937 alle Facharbeiter in Berliner Rüstungsbetrieben auf Karteikarten registriert wurden, um sie im „Mobilmachungsfall“ vom Krieg freizustellen. Zuerst wurde den Berliner Firmeninhabern die Möglichkeit eröffnet, sich als sogenannter R-Betrieb, die damals übliche Abkürzung für Rüstungsbetrieb, bei den Wehrwirtschaftsstellen registrieren zu lassen. Diesen R-Betrieben wurden für jeden Arbeiter, der aufgrund seiner „Spezialausbildung …und geheimzuhaltender Fabrikationsmethoden“ vom Militärdienst befreit werden sollte, Facharbeiterkarteikarten zugeschickt. Die Karteikarten wurden ausgefüllt an die Wehrwirtschaftsstellen zurückgeschickt, die sie an das Arbeitsamt Mitte weiterleiteten, das wiederum die Listen an das Landesarbeitsamt Brandenburg übermittelte. Das Arbeitsamt Mitte faßte in einem Schreiben an den Präsidenten des Landesarbeitsamtes vom 2.11.1937 mit der Überschrift ..Geheime Reichssache“ das Ergebnis folgendermaßen zusammen: „Bisher sind an R-Betrieben 423 Bedarfsträger (gemeint sind Rüstungsbetriebe, d.V.) mit etwa 110.000 Facharbeitern gemeldet worden. Mit weiteren ungefähr 100 Bedarfsträgern mit etwa 25.000 Facharbeitern ist zu rechnen, so daß zusammen etwa 523 Bedarfsträger mit zusammen 135.000 Facharbeitern in Betracht kommen.“

Jeder sechste der aufgeführten Berliner Rüstungsbetriebe produzierte in Kreuzberg davon jeder dritte im ehemaligen Exportviertel Ritterstraße. Auch entlang der Köpenicker Straße hatten sich schon vor dem Krieg viele Firmen auf die Produktion von Kriegsgeräten eingerichtet. Noch hatten diese Aufrüstungsbemühungen auf die Kreuzberger Bevölkerung keine Auswirkungen. 1937 gab es auf dem deutschen Binnenmarkt noch einen freien Handel, an dem zumindest die teilhaben konnten, die nicht von den Nazis verfolgt wurden. Die Produktion von zivilen Konsumgütern war nicht eingeschränkt. Dies änderte sich, nachdem Deutschland mit dem Vernichtungsangriff auf Polen am 1.September 1939 den Zweiten Weltkrieg verursachte. Kleine Betriebe mußten oft geschlossen werden, weil die Betreiber zum Militärdienst eingezogen wurden.

Großen Einfluß bei der Materialzuteilung und der Zuweisung von Arbeitern an die kleinen und mittelständischen Betriebe übten die Leiter großer Rüstungskonzerze aus.
1942 saßen die Spitzen von Siemens, IG-Farben und Daimler-Benz in den Hauptringen und Hauptausschüssen des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition. Sie erteilten Direktiven, die dann von über 170 Sonderausschüssen, Sonderringen und zahlreichen weiteren Arbeitsausschüssen umgesetzt wurden. In Berlin nahm dabei Siemens eine Führungsrolle ein. Der ursprünglich am Askanischen Platz gegründete Betrieb war während des Zweiten Weltkrieges das größte Monopolunternehen der Elektrotechnik in Europa. Friedrich Luschen, Leiter der Wirtschaftsgruppe Elektroindustrie bei Siemens, hatte 1942 das Sagen im Hauptring Elektrotechnische Erzeugnisse. Er besaß hiermit die Weisungsbefugnis gegenüber allen Firmen seines Aufgabengebietes.
(…)
Um konkrete Angaben darüber machen zu können, welche Betriebe in Kreuzberg welche Kriegsgeräte produzierten, ist die Reichsbetriebskartei, die 1943 von den Nationalsozialisten angelegt wurde, hilfreich. In dieser Kartei sollten alle wichtigen deutschen Rüstungsbetriebe exakt erfaßt werden. Über jeden Betrieb wurde eine Karteikarte angelegt, auf der die Betriebseigner die Grundstückgröße, die Mitarbeiterzahl und die produzierten Güter einzutragen hatten. Die Firmenbetreiber mußten aus Geheimhaltungsgründen ihre Produktionsgüter nach Fertigungsgruppen verschlüsseln und mit KG (für Kriegsgerät) kennzeichnen, die Herstellung von Patronenhülsen nannte sich z. B. KG 31 /63. Diese Verschlüsselung war nur für Eingeweihte verständlich, die Zugang zu den Listen „Reichswaren-Numerierung“ und „Warengruppen-Übersicht“ hatten. Für einen Laien war beispielsweise die Karteikarte der Firma Paul Böhm der Ritterstraße 11 unverständlich. Auf der Karteikarte der Firma sind folgende Verschlüsselungen aufgeführt (in Klammern die jeweilige Bedeutung):
KG 24/010″ (Zellenbau) – RW-Nr „71080″ (Luftfahrtindustrie)
„KG 24/080″ (Luftfahrtausrüstung) – RW-Nr „71011 “ (Luftfahrtindustrie)
„KG 31/61 “ (Handfeuerwaffen und Waffen bis zu 2 cm) – RW-Nr „70010″ Stahl- und Blechwarenindustrie)
„KG 23/130″ (Panzerkampfwagen und Sturmgeschütze) – RW-Nr „70210″ (Fahrzeugindustrie)

So lassen sich über Firmen, die in der Reichsbetriebskartei festgehalten wurden, eindeutige Aussagen über deren Kriegsgeräte-Produktion machen. Die Reichsbetriebskartei, die im Bundesarchiv Koblenz einzusehen ist, berücksichtigte allerdings nur größere Industriebetriebe ab 50 Mitarbeitern. Die Nationalsozialisten haber das Projekt Reichsbetriebskartei nicht komplett zu Ende führen können, ferner ist die Kartei nur zum Teil überliefert.(…)
Wieviele Firmen in Kreuzberg tatsächlich für die Rüstung produzierten, läßt sich nur erahnen.(…)
Man muß davon ausgehen, daß die vielen nicht berücksichtigten mechanischen und metallverarbeitenden Werkstätten, Maschinenbaufabriken oder Elektrobetriebe, die laut Adreßbüchern in Kreuzberg ansässig waren, auch im Auftrage des Reichsministers für Rüstungs- und Kriegsproduktion arbeiteten.

siehe auch die Karte: http://geschichtsmaterialien.dragonerareal.org/ruestungsbetriebe-in-kreuzberg-karte/