Revolte in Berlin Ende Juli 1872

Schon vor Jahresfrist, als die Wohnungsnoth zuerst sich geltend machte, schwatzte alle Welt davon, daß Unruhen entstehen würden.
Aber das Berliner Volk ist sehr geduldig, und als die Prophezeihung sich nicht bestätigte, wiegten sich die bevorrechtetenKlassen in Sicherheit.
Augenblicklich ist in Berlin aber durch den geradezu grenzenlos steigenden Nothstand und den Uebermut der Hausbesitzer solcher Zündstoff angesammelt, daß jeder Funke zur Flamme auflodern muß.

Drei Tage lang war Berlin fast ohne Unterbrechung im Zustande der Revolte, die bald hier, bald dort in den einzelnen Stadtvierteln sich geltend machte.
Am Donnerstag ward ein armer Tischler in der Blumenstraße exmittirt und es entstand ein Auflauf, der bis tief in die Nacht hinein andauerte.
Nach 7 Uhr sammelten sich besonders zahlreiche Schaaren vor dem betreffenden Hause 51c. Einige Steinwürfe gegen die Fenster der Kellerwohnung, sowie die Schutzleute bedrohende Rufe gaben in der neunten Stunde das Signal zu einer gewaltsamen Säuberung der Straße bis nach der Kantstraße zu, welche durch berittene und Schutzleute zu Fuß bewirkt wurde. In den angrenzenden Straßen, der Straußberger- und Frankfurterstraße, wurden jetzt auf die in der Verfolgung begriffenen Schutzleute Steine geworfen. Mehrfache Verhaftungen erfolgten, doch erst gegen drei Uhr Morgens hatten sich die Massen nach und nach zerstreut.

Am Sonnabend fanden wiederum bereits während des Tages Konflikte mit den überall postirten Schutzleuten statt. Geradezu wie ein Funke auf ein Pulverfaß wirkte aber die folgende Proklamation der Polizei:
„Die Blumenstraße und Umgebung sind seit vorgestern der Schauplatz ernstlicher Ruhestörungen, welche die Schutzmannschaft bereits wiederholt zum Gebrauch der Waffe genöthigt haben. Das Polizeipräsidium warnt hierdurch eindringlich vor der Wiederholung, da alle Vorbereitungen getroffen sind, jeden Exceß energisch zu unterdrücken. Gleichzeitig ergeht an alle Einwohner das Ersuchen, ihre Kinder, Ange hörigen, Lehrlinge u.s.w. von der betreffenden Stadtgegend möglichst fernzuhalten, da, abgesehen von den im § 116 des deutschen Strafgesetzbuchs angedrohten Strafen, im Augenblick eines bewaffneten Einschreitens eine Unterscheidung zwischen Excedenten und Neugierigen unmöglich ist. Die Hausbesitzer werden im eigenen Interesse aufgefordert im Folie eines Tumultes vor ihren Häusern, diese und die darin befindlichen Läden und Verkaufskeller sofort zu schließen.
Berlin, den 27. Juli 1872. Königl. Polizei-Präsidium.: Frhr. v. Hertzberg.


Diese Proklamation, welche an allen Anschlagssäulen zu lesen war, erregte die Volksmassen nicht weniger, als den Tag zuvor das Niederreißen der Baracken, der Hinweis darauf, daß eventuell Unschuldige gleich Schuldigen niedergehauen würden, erinnerte an zahlreiche Falle, wo Tags zuvor Greise und Kinder schwer verletzt worden waren. Es sammelten sich wieder dichte Volksgruppen, und die Revolte war noch heftiger als Tags zuvor.

Die Polizei hatte für den Sonnabend Abend sogenannte umfassende Maßregeln getroffen. Gegen 400 Schutzleute zu Fuß und 200 zu Pferde
und eine Masse Polizei in Civil waren auf dem Schauplatz des Kampfes vertheilt; außerdem standen von 6 Uhr Abends an zwei Bataillone des Kaiser-Alexander-Garde- Grenadier-Regiments und zwei Schwadronen des 2. Garde-Dragoner-Regiments in ihren Kasernen mit scharfen Patronen zum Ausmarsch bereit.


Nichts desto weniger ward die Revolte noch größer als an einem der früheren Abende. Die Schutzmann schaft hatte ihr Hauptquartier wiederum an dem alten Ausgangspunkt des Krawalles,- Blumen- und Krautstraßenecke, aufgeschlagen und behauptete diese Stellung unver- ändert wahrend des ganzen Abends. Nur einige einzelne kleinere Posten waren in die nächsten Straßen hinein detachirt. Hier blieb Alles ziemlich ruhig. Nur ein paar Mal wurde gegen größere Trupps junger Knaben, welche der dreimaligen Aufforde- rung sich zu entfernen, nicht Folge gaben, dieselbe vielmehr mit Geschrei und Stein- hagel beantworteten, von der blanken Waffe Gebrauch gemacht. Dagegen gab es in den umliegenden Straßen sehr heftige Zusammenstöße. Es begann ein förmlicher Guerillakrieg. Bald hier, bald dort flogen aus irgend einem Fenster einer dritten Etage oder aus einer Mansarde Steine unter die Schutzleute, worauf das betreffende Haus sofort gestürmt wurde. Ein solcher Steinwurf zerschmetterte einem Schutzmann den Arm. In demselben Augenblicke, wo der Kommandeur der Schutzmannschaft, Oberstlieutenant von Tempsky, an den Minister des Innern meldete: „Die Situation hat sich wesentlich gebessert“, und wo er dem Herrn Polizei-Assessor Bürger den Auftrag gab, die zur Verfügung gestellten Militärmannschaften abzubestellen, — in demselben Augenblicke erloschen am Grünen Weg hinter dem Andreasplatze sämmtliche Laternen, zertrümmert von den Volksmassen und bald darauf nahm die Revolte in sämmtlichen Straßen östlich und nördlich von dem Hauptquartier der Schutzmannschaft überhand, ohne daß die Massen gesprengt worden wären. Drei Barrikaden wurden daselbst gebaut. So hatte die Volksmasse an der Ecke des Grünen Weges und des Küstriner Platzes wiederum aus Bohlen eine Barrikade konstruirt, wel- che sie erst verließ, als die Polizei das Hinderniß umging. Zu gleicher Zeit wurde das Lokal der Revierpolizei in der Langenstraße vom Volke gestürmt, wobei der dort anwesende Wachtmeister Kunze schwer verwundet worden ist. Auch auf zwei entfernte Stadttheile dehnte sich an dem selben Abende (Sonnabend) die Revolte aus. Ein sehr ernstlicher Krawall fand nämlich vor dem Hause Weinstraße 32 statt, das der Schutzmann Ernst als Vicewirth verwaltet. Ein etwa 1000 bis 1500 Köpfe starker Volks haufen hatte sich dort gesammelt, war gegen 11 Uhr gewaltsam in das Haus gedrungen und demolirte Alles, bis eine Abtheilung reitender Schutzleute ansprengte und- die Menge nach dem nahegelegenen Friedrichshain zurückdrängte.

Sodann kam es in der Gegend des Kottbusser Thores zu einem ähnlichen Zusammenstoß. Das Haus Skalitzerstr. 12, wo ein Miether exmittirt war, bildete den Kernpunkt des Angriffs. Die Polizei ertickte den Aufstand nur mit Mühe. Die Soldaten des Kaiser Franz-Regiments und eine Schwadron Garde-Dragoner waren deswegen in der Kaserne konsignirt, die letzteren mit gesattelten, jeden Augenblick zum Aufbruch bereiten Pferden und eine Abtheilung Dragoner wurde sogar zur Unterstützung der Polizei herbeigezogen. Die ganze Revolte endete wieder damit, daß sich gegen drei Uhr allmählich die Volksmenge zerstreute. Am Sonntag waren ein Drittel bis zur Hälfte sämmtlicher Mannschaften der Garde- Schützen, Garde-Dragoner, des Franz- und Alexander-Regiments in ihren Kasernen konsignirt und scharfe Patronen an die Mannschaften vertheilt. Diesmal hatte man aber die Polizei nicht in Masse auf den Straßen aufmarschiren lassen, und die Folge davon war, daß die Revolte ihr Ende fand. — Der exmittirte Miether, der unschuldigerweise die Berliner Revolte verursacht hat, Herr Harstark, Blumenstraße 51 c, hat uns zur Einsicht seinen Miethskontrakt, der auf 3 Jahre lautet und am 1. Oktober 1872 abläuft, nebst dem Quittungsbuch vorgelegt. Danach ist die Mittheilung der Presse, daß Harstark wegen rückstandiger Miethe exmittirt sei, vollständig unwahr, da derselbe seinen Verpflichtungen pünktlich nachgekommen ist. Harstark hatte nämlich laut Kontrakt vierteljährlich postnumerando zu zahlen. Der Hauswirth aber hat nach den weiteren Mittheilungen des Exmittirten die Wohnung zu höherem Preise vermiethen können und Anstoß an einem Aftermiether genommen, der aber schon längere Zeit unbeanstan- det durch den Hauswirth miteinwohnte.

Neuer Social-Demokrat, 31.7. und 2.8.1872