Pferd und Krieg (3) – Die publizistischen Rückzugsgefechte der deutschen Kavallerie seit 1918 (Auszug)

Das Kriegsglück der Erde lag auf dem Rücken der Pferde. Bis in die jüngste Geschichte hinein wurden Pferde militärisch genutzt und verliehen ihren Reitern die Aura des Besonderen und, im wahrsten Wortsinne, des Erhellten. Kavalleristen pflegten ein elitäres Selbstverständnis, das an das mittelalterliche Ritterideal anknüpfte.

Die Vermögenden unter den Kämpfern brachten ihre Pferde mit und nahmen eine herausragende Stellung ein. Trotz der waffentechnisch bedingten Nivellierungstendenzen im 19. Jahrhundert galt die Kavallerie weithin als exklusive Waffeneinheit, der zu dienen es vielen eine besondere Ehre war. Vor allem Adlige fanden sich in der Kavallerie wieder, die so die jahrhundertealte Reitertradition ihres Standes fortsetzten.

Doch in Zeiten des industrialisierten Massenkriegs schienen Pferde Fehl am Platze. Die tollkühne Attacke mit gezücktem Säbel musste angesichts von Maschinengewehren und Schützengrabensystemen anachronistisch erscheinen – so sah dies zumindest ein Großteil der politischen und militärischen Führung. Dennoch gab es intensive Versuche, die Existenzberechtigung berittener Einheiten zu rechtfertigen (…)

Der Einsatz von Pferden war auch im modernen, technisierten Krieg ein Massenphänomen. Es wäre zu einfach, die Einsatzzahlen lediglich in Abhängigkeit zur Motorisierung der Armee zu betrachten. Denn selbst ein steigender Motorisierungsgrad bedeutete nicht in jedem Fall den Bedeutungsverlust des Pferdes.

Einem solchen entgegenzuwirken war das Bemühen von führenden Militärs am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Noch am 29. April 1913 hatte der General-Inspekteur der Kavallerie Johannes Georg von der Marwitz in einer Denkschrift die „Notwendigkeit der Kavallerievermehrung“ zum Anlass genommen, deren wachsendes Aufgabenspektrum beispielsweise im Grenzschutz aufzuzeigen. Neben der quantitativen Aufstockung forderte der General eine systematische Ausbildung in Friedenszeiten.“ Dies schien Sinn zu machen, denn der personelle Anteil der Kavallerie im kaiserlichen Heer hatte sich von 10,9 % im Jahr 1870 auf 8,2 % bei Beginn des Weltkriegs verringert. Zu jener Zeit gab es ca. 91.000 berittene Soldaten, die meisten davon in den 110 berittenen Regimentern. Deren Zahl erhöhte sich im Krieg auf 150, von denen die meisten jedoch aufgrund der Erkenntnisse des Stellungskriegs in unberittenen Regimenter umgewandelt wurden. (…)

Wenn man auch nicht von einem linearen und rapiden Bedeutungsverlust der berittenen Einheiten im deutschen Heer sprechen kann, so doch von einem unaufhaltsamen. Darüber darf auch nicht die zeitweilige Renaissance dieser Waffengattung hinwegtäuschen. Sie war letztlich speziellen Umständen geeschuldet, die den Pferdeeinsatz nur sporadisch wieder als nutzbringend erscheinen ließen. Zweifellos hatte die Kavallerie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ihren operativen Nutzen. Dieser bestand in der Beweglichkeit der berittenen Einheiten die sich bestens für die Erkundung oder die Verfolgung gegnerische Truppen in schwierigem Terrain eigneten.
Zu Beginn des Jahrhunderts verkündete der Militärhistoriker Friedrich von Bernhardi, der „Kampf mit der blanken Waffe“ sei die Hauptgefechtsbetätigung der Kavallerie.
Mit seiner Aussage lehnte sich Bernhardi an das traditionelle Selbstverständnisnis der Kavallerie an, das sich in Jahrhunderten aufgrund der Beweglichkeit dieser Waffengattung herausgebildet hatte. Noch das Exerzierreglenient von 1909 verwies auf den Vorwärtsdrang der Truppe und auf die vermeintlich bewährte Bewaffnung: „Die Kavallerie soll ihre Aufgaben stets offensiv zu lösen versuchen. Nur wo die Lanze nicht am Platze ist, greift sie zum Karabiner.“
Damit waren die Positionen eines jahrzehntelangen Disputs markiert, der sich zwischen Traditionalisten und Reformern abspielte. In der Generalinspektion der Kavallerie garte dieser Konflikt in den Folgejahren weiter. Die konservativen Kräfte, die in der Attacke die wesentliche Aufgabe der Kavallerie und im Pferd ein Gefechtsinstrument sahen, plädierten für die Beibehaltung der Lanze. Die Reformer hingegen befürworteten aufgrund der Erfahrungen des Ersten Weltkriegs die Ausstattung mit Feuerwaffen. Sie betrachteten das Pferd als Fortbewegungsmittel das Fußgefecht als wesentliche Aufgabe der Kavallerie. Demnach erhielt diese den Status einer berittenen Infanterie. Einstweilen behielten die Traditionalisten die Oberhand, da sie am elitären Charakter ihrer Waffengattung festhalten konnten.
Erst 1927 wurde die Lanze abgeschafft, vorwiegend auf Betreiben der Ausbilder an der Basis. Die Regimentskomandeurere hingegen waren bei weitem noch nicht von der Untauglichkeit jener archaisch anmutenden Reiterwaffe überzeugt.
Die Diskussion rührte am Selbstverständnis der berittenen Einheiten und der Frage, welchen Beitrag sie zwischen 1914 und 1918 zur Kriegführung geleistet hatten. Georg Brandt. Kavallerist und später Generalleutnant in der Wehrmacht, konstatierte 1924, dass sich die Erfahrungen vom westlichen Kriegsschauplatz nicht verallgemeinern ließen. Die spezifischen Tugenden der Kavallerie wie Verwegenheit, Mannesmut und Offensivgeist seien auch weiterhin gefragt. (…)

Woher nahmen diese Autoren angesichts einer offensichtlichen Technisierung der Kriegsführung ihren Optimismus? Die Verfechter der Kavallerie verschlossen vor der Entwicklung der Technik keineswegs die Augen. Allerdings griff in ihren Kreisen bis zum Zweiten Weltkrieg eine erhebliche Techniksepsis um sich. Wegen seiner Geländegängigkeit und seiner Unabhängigkeit von Kraftstoffen erschien ihnen das Pferd den motorisierten Fahrzeugen immehr noch als überlegen. Ohne Kavallerie würde ein zukünftiger Krieg nicht zu gewinnen sein, tönte es aus der reiterlichen Ecke. Während Panzer und technisches Material sich neutralisieren würden — falls sie überhaupt in ausreichender Menge zur Verfügung stünden —, werde siegreich sein, wer dann noch über zuverlässige Pferde verfüge, so die irrationale Ansicht. (…)

Kavalleristische Tugenden
Dass die Kavallerie eine ganz besondere Waffengattung war, bestritten die Wenigsten, unterschied sie sich doch von den Fußtruppen. Pferde waren Symbole männliche Macht, des Adels und der Offiziere. Ein Blick auf die soziale Rekrutierung belegt, dass die Kavallerie die Waffengattung des Adels bis weit in das 20. Jahrhundert geblieben ist. Während man getrost von einer allgemeinen Verbürgerlichung des Heeres seit Beginn des 20. Jahrhunderts ausgehen kann, lässt sich dies von der Kavallerie nicht behaupten. Der Adelsanteil in der Reichswehr des Jahres 1925 lag bei 24 %. Bei der Kavallerie rangierte er deutlich höher. (…)
Die Kavallerie war nicht nur ein exklusiver Club, sondern pflegte dieses Selbstverständnis in Form eines besonders ausgeprägten soldatischen Traditionsbewusstseins. Dies hing auch mit der spezifischen Kampfweise per Pferd zusammen, da die Kavallerie beweglicher als jede Fußtruppe war. Als Angriffsformation entsprach sie zudem einem männlich-heroischen Ideal, das den vorwärtsstürmenden tapferen Soldaten propagierte. (…)
Der „Geist der Kavallerie“ war angeblich das einzige, was von dieser Waffengattung nach der durchgreifenden Motorisierung der Armee übrig geblieben war.
Die Erfolge der Panzerwaffe im Zweiten Weltkrieg gründeten nicht zuletzt auf kavalleristischer Ausbildung und Denkungsart:
„Die Fortentwicklung der Technik bringt neue Formen der Kriegsführung und stellt uns unter veränderten Verhältnissen vor neue Aufgaben. Eines aber bleibt und das ist der in der langen deutschen Kriegsgeschichte immer wieder bewährte Reitergeist. Ihn als Vermächtnis der deutschen Kavallerie hinüberzutragen in neue Formen ist unsere Aufgabe und unser Gelöbnis.“ (Richter)
Die Vermittlung einer elitären, wertorientierten Gesinnungstradition bildete das letzte argumentative Refugium der Pferdefreunde unter den Soldaten:
„Dieser Adel der Gesinnung, der Haltung und des Handelns muß auch in unserer völlig gewandelten Welt unverzichtbarer Bestandteil menschlichen Seins bleiben.“ (Klaus Christian Richter: Die Geschichte der deutschen Kavallerie 1919-1945, Stuttgart 1978)

siehe auch:

http://geschichtsmaterialien.dragonerareal.org/die-lanze-und-die-geschichte-des-schocks/

http://geschichtsmaterialien.dragonerareal.org/pferd-und-krieg-1/

http://geschichtsmaterialien.dragonerareal.org/pferd-und-krieg-2-das-pferd-im-ersten-weltkrieg/