Pferd und Krieg (2) – Das Pferd im Ersten Weltkrieg

Die Rekrutierung für den Miltäreinsatz

Große Teile der Armeeführungen hatten sich von der Idee verabschiedet, Tiere könnten eine entscheidende Rolle im Krieg außer als Lastenträger spielen (…), der operative Nutzen der Kavallerie wurde angezweifelt. Zu verlockend waren die technischen Möglichkeiten, die Militärangehörige immer schon fasziniert hatten. Panzern, der Telegraphie, Automobilen und Motorrädern – ihnen schien die Zukunft der Kriegführung zu gehören.
Das war im Prinzip keine falsche Erkenntnis – nur war man vorschnell zu ihr gelangt. Denn noch besaßen die Armeeeinheiten keine flächendeckende zuverlässige technische Ausstattung. Noch fühlten sie sich – insbesondere nach den Erfahrungen der ersten Kriegswochen – bewogen, tierische Eigenschaften zu nutzen. Dabei verfügten die Militärbehörden bei Kriegsausbruch nicht über die nötigen tierischen Ressourcen, sondern mussten sich der Unterstützung ziviler Züchter und Eigentümer versichern bzw. ihre Bestände durch Zukauf aufstocken. Dies war zuvor schon in Friedenszeiten nicht ungewöhnlich. Eine mehr oder weniger enge Kooperation zwischen militärischen Akteuren und ziviler Sphäre, die man unter dem Begriff der Selbstmobilisierung der Zivilisten fassen kann, ist dann mit Kriegsausbruch in allen beteiligten Staaten zu beobachten. (…)

Aushebung der Pferde in Berlin, Plakat

Dass es im Deutschen Reich zu einem Engpass an Pferden mit erheblichen Versorgungsproblemen kam, zeigte sich schon früh. Hatte die Aushebung der Pferde bei Kriegsausbruch noch weitgehend reibungslos funktioniert, so sahen sich die deutschen Militärbehörden schon nach wenigen Wochen genötigt, weitere Aushebungen anzuordnen. Denn immer mehr Tiere kamen bei den neu aufgestellten Einheiten zum Einsatz. Je mehr Menschen und Material mobilisiert wurden, desto größer wurde auch der Bedarf an Reit- und vor allem Zugpferden. Denn die Materialmengen mussten transportiert werden, was insbesondere in Frontnähe
ausschließlich mit Hilfe von Tieren geschah.
Auch in der heimischen Landwirtschaft mangelte es an Gespannpferden, wie verschiedene Debattenbeiträge im Reichstag belegen. (…)
Da die Mobilität und Kampfkraft sämtlicher Armeen mehr oder minder stark von Pferden abhing, hatten sich gewisse logistische Rekrutierungswege eingespielt. Denn nur ein Teil der für die Kavallerie oder als Zugtiere verwendeten Pferde kam aus eigenen Militärgestüten. Über das gesamte 19. Jahrhundert hinweg gab es auch in Friedenszeiten regelmäßige Pferdevormusterungen, die der Musterung wehrpflichtiger Rekruten ähnelte. Jeder Pferdebesitzer war verpflichtet, seine Tiere zu einem bestimmten Termin in seiner Heimatgemeinde vorzuführen und durch eine Militärkommission mustern und erfassen zu lassen.
In den heereseigenen Remontedepots wurden neu eingekaufte junge Pferde versammelt, welche für den späteren Heeresdienst vorgesehen waren. Häufig handelte es sich um unbeschlagene Pferde, die zum Heer kamen und daher neuausgerüstet werden mussten. Vor allem aber galt es, sie der militärischen Befehlsstruktur einzupassen und entsprechend zu schulen.(…)

An der Front

Auch für viele Tiere bedeutete der Kriegseinsatz zunächst einmal tage- und oft nächtelange Bahnfahrten in Waggons, die alles andere als artgerecht zu nennen waren. Im Westen versammelten sich die Regimenter auf grenznahen Truppenübungsplätzen, wo auch den Pferden einige Stunden der Ruhe zukamen. Schon der Bahntransport und der Ritt zum einstweiligen Rastplatz hatten die Tiere geschwächt. Dann ging es weiter in Richtung belgischer Grenze. Im günstigsten Fall war man auf die Massen an Pferden vorbereitet und hatte Futtervorräte herangeschafft. Es muss nicht betont werden, dass das nicht immer gelang und sich schon in den ersten Einsatztagen ein Problem offenbarte, das über vier Jahre hinweg den Einsatz der Tiere prekär werden ließ: die Versorgung mit genügend nahrhaftem Futter. Anfangs erschien dies noch als Organisationsmangel, der überwunden werden konnte. Später stellte sich das Problem als strukturelles Defizit dar.

Dass man im Zeitalter einer rapide fortschreitenden Technisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch auf Pferde zurückgreifen musste, war den meisten Militärstrategen klar. Unterschiedliche Ansichten gab es vor allem über die Art des Einsatzes. In Deutschland stand die Kavallerie im Zentrum einer scharfen Auseinandersetzung zwischen konservativen und reformorientierten Kräften. Wie wichtig sollten künftige Kavallerieeinsätze sein? Sollte man sie stärken und ihre militärstrategische Bedeutung noch erhöhen – oder sollte man sich nicht langsam von der Vorstellung verabschieden, mit Reitern in die Offensive zu gehen?

„Wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt“, Postkarte Eigene Sammlung

Vermehrung oder Verringerung – auf diese Frage spitzten sich die Diskussionen zu. Dabei war die zahlenmäßige Entwicklung der berittenen Einheiten während der Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg in den meisten Staaten weitgehend stabil. In Deutschland verfügten die Kavallerieeinheiten zwischen 1873 und 1913 über einen Bestand zwischen 69 000 und 70 000 Tieren. (…)

Schon bald mussten Strategen wie der Militärhistoriker Friedrich von Bernhardi jedoch einsehen, dass der von ihnen bevorzugte »Kampf mit der blanken Waffe« im verminten und von Schützengräben durchzogenen Schussfeld der Maschinengewehre anachronistisch wirken musste.

Postkarte Eigene Sammlung

Trotzdem behielten die Militärbehörden zunächst sogar die Ausstattung der Kavallerie mit Lanzen bei, die bei Nahgefechten in vorherigen Kriegen gute Dienste geleistet hatten. Doch für die Realität des modernen industrialisierten Krieges, wie er an der Westfront stattfand, waren sie – anders als gelegentlich an der Ostfront – ziemlich ungeeignet. Hier halfen eher Gewehre, die die Kavallerie dann aber in die Nähe der berittenen Infanterie rückte, die Pferde nur zur Fortbewegung, nicht aber für das eigentliche Gefecht nutzte.

siehe auch:

http://geschichtsmaterialien.dragonerareal.org/die-lanze-und-die-geschichte-des-schocks/

http://geschichtsmaterialien.dragonerareal.org/pferd-und-krieg-1/

http://geschichtsmaterialien.dragonerareal.org/pferd-und-krieg-3-die-publizistischen-rueckzugsgefechte-der-deutschen-kavallerie-seit-1918-auszug/