Maschinenstürmer

(…) Lange Zeit blieben diese Revolten sowohl in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft als auch in der marxistischen Theorie unterbelichtet. Die mechanistische Fortschritts- und Modernisierungs-Emphase blockierte das Verständnis einer ganz eigenständigen und »unterhalb« der offiziellen Geschichte ablaufenden großen und militanten Massenbewegung, deren Konturen bis heute nur schemenhaft sichtbar sind. Teils hat sie, noch der mündlichen alten Volkskultur entsprechend, keine offiziellen und schriftlichen Zeugnisse hinterlassen, teils wurden diese Zeugnisse mit dem ganzen Haß der kapitalistischen Menschenverwalter und Einpeitscher der mechanistischen Weltsicht ausgetilgt, teils hat man sich aber auch gar nicht dafür interessiert, und viel dokumentarisches Material ist wahrscheinlich bis heute ungehoben oder müßte völlig neu interpretiert werden.

Aus der Sicht der späteren Arbeiterbewegung handelte es sich dabei immer nur um unvollkommene (und damit auch nicht ganz für voll zu nehmende) »Vorläufer«.(…)
Schon der vorindustrielle Kapitalismus der Verleger und Staatsmanufakturen war von zahlreichen Aufständen und sozialen Gegenbewegungen begleitet; die Revolte der schlesischen Weber war weder ein Einzelfall noch außergewöhnlich. Vielmehr handelte es sich nur um ein zufällig in der literarischen Verarbeitung herausgehobenes Durchschnittsereignis.

Bereits lange vor den großen Schüben der Industrialisierung galt die Formel der allgemeinen Destabilisierung: »Die Angst vor dem sozialen Ernstfall durchzog das 18. Jahrhundert […]. Es ging um Aufstand, Ausstand, Verabredungen, Tumulte, rebellischen Unfug – alles Begriffe, die letztlich nur verschiedene Formen desselben Ungewissen Zustands meinten« (Stürmer 1986, 153).(…)

Während die Spinner- und Weberaufstände auf dem Kontinent (berühmt geworden ist außer der schlesischen Revolte auch der Aufstand der Lyoner Seidenweber von 1831) noch der Nachklang des vorindustriellen 18. Jahrhunderts waren, entwickelte sich im industriell fortgeschrittenen England eine neue Sozialbewegung, die im Zuge der allmählichen Industrialisierung auch auf West- und Mitteleuropa übergriff und sich dort mit den älteren Formen der Handwerker-Revolten und allgemeinen »Brotunruhen« vermengte.(…)


Den Kern der sozialen Revolten bildete jedoch seit der Ersten industriellen Revolution die von England ausgehende neue Bewegung der »Maschinenstürmer« oder »Ludditen«, benannt nach »General Ludd«, einem legendären Anführer der militanten Strumpfwirker namens Ned Ludd oder Ludlam, von dem zweifelhaft ist, ob er real gelebt hat oder eine »Kunstfigur« und Imagination der sozialen Massenbewegung war.(…)

Größere Unruhen der verschiedensten Art und aus den verschiedensten Gründen hatte es in England laut Thompson bereits 1709, 1740, 1756/57, 1766/67, 1773, 1780, 1782, 1795 und 1800/01 gegeben, nicht gerechnet zahllose kleinere und lokal beschränkte aufrührerische Aktionen. Die Mittel waren Streiks, Demonstrationen, Brandstiftungen, Plünderungen, Drohbriefe und auch schon im 18. Jahrhundert Zerstörungen von Maschinen und Fabrikeinrichtungen:

»Die ersten Maschinen zum Wollscheren wurden 1758 von englischen Arbeitern zerstört« (Abendroth 1965,13), und »1769 wurde als Reaktion auf die Zerstörung einer mechanischen Sägemühle in London das erste Gesetz, das die Zertrümmerung von Maschinen und Zerstörung von Fabrikgebäuden unter Strafe stellte, vom englischen Parlament erlassen« (Wulf 1987, 20). Im Verein mit den Brotunruhen entwickelte sich dabei ein militant antiautoritärer Geist von offenbar hochorganisierten Gruppen, wie er sich etwa in einem gereimten Drohbrief von 1766 manifestiert (dokumentiert bei Thompson 1980, 119):

Wir sind eine kleine Armee von über 3000,
zum Kämpfen zusammengeschweißt.
Und, verdammt, wir werden’s schaffen,
daß des Königs Armee in die Hosen scheißt.

Wenn König und Parlament nicht besser handeln,
wollen wir England in einen Abfallhaufen verwandeln.
Und wenn die Dinge nicht billiger werden,
dann, verdammt, zünden wir das Parlament an
und machen alles besser auf Erden.

Diese militante Sozialrevolte wurde nun von den Ludditen in der Ersten industriellen Revolution während des frühen 19. Jahrhunderts wieder aufgenommen und über mehrere Jahrzehnte mit Höhepunkten in den Jahren 1811/12 und 1817 durchgehalten. In den Textilprovinzen Nottinghamshire, Yorkshire und Lancashire erhielten die Unternehmer massenhaft mit »General Ludd« unterzeichnete Drohbriefe, oft mit der wenig schmeichelhaften Anrede »Du verdammter Schweinehund«
(Thompson 1987/1963, 611) und mit Ankündigungen wie »daß wir eure Gebäude zu Asche verbrennen werden« (Thompson, a.a.O., 646 f.). Im März 1811 kam es in Nottingham zu großen Demonstrationen für Mindestlöhne und gegen die Einführung neuer Produktionsverfahren mit anschließenden »Maschinenstürmen«:
»Als die Demonstration der Strumpfwirker am 11. März 1811 von der Polizei gewaltsam niedergeschlagen worden war, zerstörten sie als Reaktion hierauf noch in derselben Nacht 60 Strumpfwirkstühle. Diese gewaltsamen Aktionen hielten fast ein Jahr lang an. Im Laufe dieser Zeit wurden etwa 1000 Strumpfwirkstühle zerschlagen sowie normwidrige Produkte vernichtet. Die Arbeiter gingen hierbei durchweg organisiert und planmäßig vor« (Wulf 1987,21 f.).
In Yorkshire, dem »zweiten großen Zentrum des Luddismus […] bestanden die Ludditen aus der bestorganisierten Gruppe hochqualifizierter Handwerker-Facharbeiter, den Tuchscherern« (Paulinyi 1983, 237). Hier ging es gegen die Einführung der gig-mill und des shearing-frame: Produktionstechniken, von denen die Tuchscherer nicht zu Unrecht Dequalifizierung und Absturz der Löhne befürchteten. Der Kampf eskalierte bis zum offenen Bürgerkrieg:
»Anders als die Strumpfwirker von Nottingham sahen sich die Tuchscherer von Yorkshire […] nicht allein mit Kleinbetrieben, sondern auch mit fabrikmäßigen Großbetrieben konfrontiert, die sich keineswegs einschüchtern ließen und denen ungleich schwerer beizukommen war. Im April 1812 nahmen die Ludditen die Kraftprobe auf und griffen mit 150 bewaffneten Leuten die Fabrik von William Cartwright in Rawfolds an. Cartwright war auf einen solchen Angriff vorbereitet und hatte in seiner Fabrik vorsorglich Soldaten und bewaffnete Arbeiter postiert. Als die Ludditen die Haupteingänge zu stürmen versuchten, wurden sie von Cartwrights Leuten zurückgeschlagen. Auf selten der Angreifer gab es Verletzte und zwei Tote. Hatten sich die Ludditen bis zu diesem Zeitpunkt auf die selektive Zerstörung von Maschinen beschränkt, so eskalierte nun, nachdem das erste Blut geflossen war, die Bewegung. Als Vergeltung für die zwei erschossenen Arbeiter ermordeten sie einen der verhaßtesten Unternehmer namens Horsfall, der provokativ verkündet hatte, er wolle >bis zu den Sattelgurten in Ludditenblut reiten< […] Durch diesen Mord verlor die Ludditenbewegung an Sympathie in der Bevölkerung, was wiederum zu einer weiteren Radikalisierung führte. Es kam nun zu Plünderungen und bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Die Bewegung weitete sich zunehmend aus zu einer Revolte gegen die durch Mißernten, Krieg und Wirtschaftskrise verursachte materielle Verelendung. Die Regierung antwortete hierauf mit massivem Truppeneinsatz und der Einführung der Todesstrafe für Maschinenzerstörung« (Wulf, a.a.O., 23f.). Offensichtlich besaß die »Armee der Gerechten«, wie sich die Ludditen auch nannten, durchaus weiterhin einen starken Rückhalt in der Bevölkerung; und Thompson ist der Auffassung, man dürfe auch nach den schweren militärischen Zusammenstößen »die Isolation, in die die Strumpfwirker und Scherer getrieben wurden, nicht überbewerten. Während der ganzen Zeit ludditischer >Ausschreitungen< besaßen die Maschinenstürmer in den Midlands und dem West Riding den Rückhalt der öffentlichen Meinung« (Thompson 1987/ 1963, 635). Trotz des Einsatzes regulärer Truppen gegen die eigene Bevölkerung (ein Glanzlicht in der Durchsetzung des marktwirtschaftlichen »laisser faire«) und der militärischen Niederlage von »General Ludd« gab es auch weiterhin Revolten, Streiks, Brandstiftungen und Maschinenzerstörungen bis in die 40er Jahre des 19.Jahrhunderts – im Grunde eine Begleitmusik zur gesamten Geschichte der Ersten industriellen Revolution in Großbritannien. (…)

»Ihre beliebte Weise des sozialen Krieges ist die Brandstiftung […] im Winter 1830/31 […] wurden den Pächtern die Korn- und Heuschober auf den Feldern, ja die Scheunen und Ställe unter ihren Fenstern angezündet. Fast jede Nacht flammten ein paar solcher Feuer und verbreiteten Entsetzen unter den Pächtern und Grundeigentümern. Die Täter wurden nie oder selten entdeckt, und das Volk übertrug diese Brandstiftungen auf eine mythische Person, die es Swing nannte. Man zerbrach sich die Köpfe darüber, wer dieser Swing sein möge […] Seit jenem Jahre haben sich die Brandstiftungen mit jedem Winter […] wiederholt. Im Winter 1843/44 waren sie wieder einmal außerordentlich häufig« (Engels, a.a.O., 478).

Bei »Swing« handelte es sich offensichtlich um eine »General Ludd« verwandte Figur, und die Legendenbildung zeigt, wie tief verwurzelt die Rebellion gegen den Kapitalismus und seine Erste industrielle Revolution in den Volksmassen war. Noch 40 Jahre nach der Niederschlagung der Ludditen sprach man »von mitternächtlichen Treffen, militärischen Übungen und aufrührerischen Reden« und von 1812 vergrabenen ludditischen Waffen, die »in den späteren Krisen wieder ausgebuddelt wurden« (Thompson 1987, 579). Diese Geschichte eines militanten und geradezu heroischen Widerstands wird gewöhnlich sowohl von der liberalen als auch von der marxistischen Theorie (wenn auch mit unterschiedlichen Akzentsetzungen) als »rückwärtsgewandte« und »sinnlose« Auflehnung gegen die »unvermeidliche Modernisierung« betrachtet. (…)

Auf keinen Fall waren diese Sozialrevolten primitive Spontanaktionen von »irrational reagierenden« Analphabeten, wie es z. B. noch bei Abendroth erscheint. Vielmehr handelte es sich um weitreichende Organisationen mit Wachposten, Kurieren und Korrespondenzen, die nicht bloß maskiert und verkleidet als bewaffnete Gruppen in zahllosen gewagten Kommandounternehmen auftraten, sondern auch programmatische Diskussionen über die Zukunft der Gesellschaft führten.
Ihre geheimen Anführer waren nach Berichten und Zeugnissen »scharfsinnig und humorvoll; einige von ihnen gehörten nach den Londoner Handwerkern zu den belesensten der > arbeitsamen Klassen
[…] < (Thompson 1987/1963, 630). (…)

Gerade in diesem Sinne eines erwachenden, weitergehenden Bewußtseins, und darauf hat nicht nur Thompson hingewiesen, waren die Ludditen keine blinden Maschinen- und Industriefeinde; so wollten die Tuchscherer ausdrücklich der Einführung der gig-mill zustimmen, »sofern sie von kompensatorischen, d. h. ihre berufliche Existenz absichernden Maßnahmen, begleitet wäre« (Wulf 1987, 23), und die Zerstörung von Maschinen wurde durchaus selektiv gegen die Scharfmacher der Lohnsenkung und der Fabrikschinderei betrieben, richtete sich also nicht gegen das Gerät als solches.

Im Grunde genommen wollten die Ludditen, daß das »wirtschaftliche Wachstum nach ethischen Grundsätzen geregelt und […] den menschlichen Bedürfnissen untergeordnet werden sollte« (Thompson 1987/1963, 640). Wenn sich diese Revolte daher »zu jedem Zeitpunkt zu einer Bewegung mit weitergehenden revolutionären Zielen hätte entwickeln können« (a.a.O., 641), so deshalb, weil sie kurz davor stand, die irrationale betriebswirtschaftliche »Vernunft« zu enttarnen und eine alternative, den benthamistischen Zurichtungen diametral entgegengesetzte Mobilisierung der neuen Produktivkräfte in einem tatsächlich »arbeitssparenden« und »wohlfahrtssteigernden« Sinne zu verlangen. (…)

Die Ludditen waren nur die relativ bewußteste und schlagkräftigste soziale Revolte und Massenbewegung gegen das Fabriksystem und die kapitalistischen Zumutungen überhaupt. Die erwähnten Bewegungen auf dem Kontinent, die noch mehr durch »Brotunruhen« als durch »Maschinenstürme« gekennzeichnet waren, blieben jedoch an antiautoritären Impulsen und SelbstbestimmungsMotiven nichts schuldig. Sogar in der vermieften deutschen Provinz gab es nicht nur passiven Sozialstolz, sondern weit über das punktuell hervorgehobene schlesische Ereignis hinaus aufmüpfige Handwerker, Fabrik- und Manufakturarbeiter und Teile der Landbevölkerung, die sich gegen soziale Degradation, »Pauperisierung« und Brotverteuerung wehrten. So kam es z. B. im April 1847 in Berlin zum sogenannten »Kartoffelaufstand« (Price 1992,27), und auf lokaler und regionaler Ebene sind zahlreiche ähnliche Revolten dokumentiert. Auch in den deutschen Staaten waren die »kollektiven Proteste und Protestdrohungen verwurzelt in überlieferten Bildern einer gerechten Ordnung« (Langewiesche 1992, 433). Was eben auch hier nur bedeutet, daß der Kapitalismus und die beginnende Industrialisierung als permanente Verschlechterung erlebt wurden. (…)

Abendroth, Wolfgang (1965): Sozialgeschichte der europäischen Arbeiterbewegung, Frankfurt/Main

Engels, Friedrich (1976, zuerst 1845): Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen, in: Marx Engels Werke (MEW), Bd. 2, Berlin

Langewiesche, Dieter (1992): Wege zur Revolution, in: Borst, Otto (Hrsg.): Aufruhr und Entsagung. Vormärz 1815-1848 in Baden und Württemberg, Stuttgart

Paulinyi, Akos (1983): Die industrielle Revolution: Die Entstehung des Fabriksystems in Großbritannien, in: Schneider, Helmuth (Hrsg.): Geschichte der Arbeit. Vom alten Ägypten bis zur Gegenwart, Frankfurt/ Main-Berlin-Wien

Price, Roger (1992): 1848. Kleine Geschichte der europäischen Revolution, Berlin

Stürmer, Michael (Hrsg.), (1986): Herbst des alten Handwerks. Meister, Gesellen und Obrigkeit im 18. Jahrhundert, München-Zürich

Thompson, Edward P. (1980): Plebeische Kultur und moralische Ökonomie. Aufsätze zur englischen Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, Frankfurt/Main-Berlin-Wien

Thompson, Edward P. (1987, zuerst 1963): Die Entstehung der englischen Arbeiterklasse, 2 Bde., Frankfurt/Main

Wulf, Hans Albert (1987): »Maschinenstürmer sind wir keine«. Technischer Fortschritt und sozial demokratische Arbeiterbewegung, Frankfurt/ Main-New York

siehe auch: http://geschichtsmaterialien.dragonerareal.org/unruhen-in-deutschland-geordnet-nach-typen-1816-1875/

UND:

Die Geburt des Fabriksystems: die Weber
Ausschnitt aus der ARTE-Doku, „Nicht länger nichts.“ Geschichte der Arbeiterbewegung (1/4) Fabrik

Die ganze Doku: https://www.youtube.com/watch?v=Pi33bug1YYU