Machtsymbol Schlosskuppel

Das aktuelle ‚Mieter Echo‘ April 2021, Zeitung der Berliner MieterGemeinschaft, titelt mit einen Artikel der Architekturhistorikerin Prof. Dr. Simone Hain, „Mit Kreuz und Kapital gegen die soziale Moderne“, in dem sie den revanchistischen Hintergründen der Berliner Stadtentwicklung am Beipiel der Rekonstruktion des ‚Stadtschlosses‘ nachgeht:
„Das „Schloss“, die geraubten Benin-Bronzen inklusive, ist nicht einfach unterlaufen. Sondern es gab den übergeordneten Plan, die kulturelle Hegemonie der Linken und den Geist von 1968 zu brechen. Es hat einen Erdrutsch gegeben als der reale Sozialismus zusammenbrach und die westdeutsche Linke mitriss. An Raubzug und Kolonialisierung beteiligt, hat sie sich weitgehend kompromittiert. Deutschland hat am „Ende der Utopien“ nach einer starken Gegenerzählung gesucht und sie unter Aufgabe der „Kritischen Theorie“ auch ausgeliefert. Das Herbeischreiben einer ständestaatlichen alternativen Ordnungsidee – für die der Schlossneubau steht – ist nicht im publizistischen Nirwana geschehen. Ein Aufbaukommando hat zielstrebig auf die Schlussfolgerung hingearbeitet, die uns noch immer bass erstaunt. (…)

Angriff der Kavallerie auf dem Schlossplatz am 18. März 1848. Handzeichnung, Wasserfarbe, 1848, anonym.

Der Kniefall als Symbol
Der Zusammenstoß zwischen der steinernen Masse des sogenannten Schlosses mit dem luftig-landschaftlichen Park unter dem Fernsehturm ergibt eine stadtbildliche Konfrontation, die zum Himmel schreit. Dem freien, offenen Raum im Osten steht am anderen Ufer – im Westen – nun jener gebaute Kniefall gegenüber, wie ihn die Kuppel in goldenen Lettern manifestiert. Sie wurde in den Märzkämpfen 1848 errichtet und ist, wie jede Kuppel, ein Symbol der Totalität und im politischen Kontext imperial. Mit dem Spruch wird dem ganzen lebenden Erdkreis, und besonders den vor den Toren des Schlosses kämpfenden Demokraten die totale Unterwerfung befohlen. Der geforderte Kniefall ist ein ikonografischer Topos der sich mit der Idee des Rittertums, genau genommen des in den Stand erhebenden Ritterschlages, der Akkolade, verbinden lässt. Rückt anstelle der ursprünglich adelnden „Frau Welt“ wie am Berliner Schloss hingegen Jesus als Weltenherrscher ins Bild, so wird mit dem Kniefall neben der Reichsidee die tausend Jahre alte Gotteskriegerschaft adressiert. Es geht dabei nicht allein um die Milizen des Herrn, sondern historiographisch konkret um Heroisierung der gentilen Landnahme, um Reconquista als Rückeroberung, oder um die Kolonisierung der Welt im Namen des Christen-tums. Das durchsetzungsstark vorangebrachte Schlossprojekt bedeutet also weit mehr als fleißige Heimatkunde und folgt nur an der Oberfläche betrachtet einem restaurativen Impuls. Im Grunde genommen sollen wir alle durch Faktizität dazu verführt werden, uns einer vorgetäuschten elitären Wirklichkeit zu fügen. Den konservativen Wertewandel durch Zustimmung affirmieren. Wir sollen alle mitspielen, uns gewöhnen, protofaschistisch immer mehr aufladen lassen, völlig wehrlos werden.“ (Simone Hain)
https://www.bmgev.de/mieterecho/archiv/2020/me-single/article/mit-kreuz-und-kapital-gegen-die-soziale-moderne/

KB-Dia 1993, Dia-Scan stock.diskurse.net

„Die Kuppel über der Westfassade des Berliner Schlosses war kein Teil der barocken Bauphase, sondern eine Ergänzung der Jahre 1845–1853. Der Auftraggeber, König Friedrich Wilhelm IV., ließ seine sehr klaren Vorstellungen für dieses Projekt von Friedrich August Stüler ausführen. (…)
Wenn auch die Institution der Monarchie in den 1840er Jahren nur von einer Minderheit der Bevölkerung grundsätzlich in Frage gestellt wurde, so gab es doch eine mehrheitliche Überzeugung, dass ihre Legitimation auf das Recht und eine Verfassung begründet sein müsse. Die Wurzeln dieses Konflikts reichen bis in die Kindheit des Königs zurück. Die Herrschaft Napoleons über Preußen von 1807 bis 1813 war aus Sicht der Bürgerschaft nicht durch das Handeln der Hohenzollern beendet worden, sondern durch einen Freiheitskampf des Volkes, dem sich Friedrich Wilhelm III. nur zögerlich und spät angeschlossen hatte. Dem Bürgertum hatten diese Ereignisse die eigene Macht vor Augen geführt. Gleichzeitig trat eine große Enttäuschung über die traditionelle Staatsform ein, da der König diese Rolle des Volkes nicht anerkennen wollte. (…)
Diese unmissverständliche Abwertung des konstitutionellen Prinzips gegenüber dem Gottesgnadentum als dem „heiligen“ Fundament des Staates machte den gleichzeitigen Bau der Kapelle als demonstrative Bekrönung des Berliner Residenzschloss zu einer hochpolitischen Geste und Provokation. Dass die Bevölkerung die Politik des Königs genauso verstand, zeigt die präzise Zusammenfassung des Schriftstellers Ernst Dronke von 1846:

„Der gegenwärtige König will die reinpersönliche Herrschaft (Absolutismus) auf dem Glauben des theologischen Christentums der Vorväter herstellen. […Dieses] christliche Prinzip hat im gegenwärtigen König seinen höchsten, potenzirten Ausdruck erreicht, eine weitere Stufe ist nicht mehr möglich; der König wird das christliche Prinzip vor der Bildung und der Erkenntnis der Massen für immer zu Grabe tragen.““ (Alfred Hagemann) https://www.humboldtforum.org/de/magazin/artikel/symbolpolitik/

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