Kartoffelrevolution

21.—23. April 1847 – Selbsthilfeaktion Berliner Werktätiger gegen die nach der Mißernte von 1846 und mit der Wirtschaftskrise von 1847 um das Ein- bis Fünffache gestiegenen Preise für Lebensmittel, besonders für Brot und Kartoffeln.
1846 wurden in Preußen 47 Prozent weniger Kartoffeln und 41 Prozent weniger Korn als sonst üblich geerntet. Folglich werden für 1 Metze Kartoffeln (ca. 2-2,5kg), die gewöhnlich 1 Groschen kostet, im März 1847 bereits 3 und im April sogar 4 Groschen verlangt.
Die Roggenpreise steigen von 1845 bis 1847 über 80 Prozent. Zu den Preissteigerungen gesellen sich Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und eine Wirtschaftskrise im Textilgewerbe, aus dem ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung Berlins seinen Unterhalt bezieht. Und schließlich kommt noch ein anhaltender Winter mit viel Schnee und Kälte hinzu.
Not und Elend der werktätigen Massen erreichen nicht gekannte Ausmaße.
Der Magistrat errichtet für besonders Bedürftige öffentliche Suppenküchen, läßt täglich 6000 Brotmarken ausgeben.
Die Hospitäler, das Arbeitshaus, die Gefängnisse sind überfällt, die Bettelei ist trotz aller Verbote und Festnahmen nicht mehr zu unterbinden.
Mitte April steigt auf den Berliner Märkten der Kartoffelpreis pro Metze auf fünf Groschen.

Als am 21. April auf dem Molkenmarkt und auf dem Gendarmenmarkt sogar sechs Groschen verlangt werden und einige Händler im Vertrauen auf die sie schützende Marktpolizei die Käufer noch verspotten, läuft das längst volle Maß über. Ausgehungerte wütende Frauen stürzen sich auf die Stände, schneiden die Kartoffelsäcke auf und bemächtigen sich der so dringend notwendigen Nahrungsmittel.
Schnell greift die Aktion auf andere Märkte — am Dönhoffplatz, am Rosenthaler Platz und am Oranienburger Tor — über und richtet sich auch gegen Bäcker- und Fleischerläden. Am Nachmittag nimmt der Menschenauflauf noch zu. Polizei- und Militärpatrouillen, die zu Hilfe geholt werden, sind machtlos. Erst gegen 23 Uhr kann die erregte Menge von Kavallerie, die mit Säbeln brutal auf die Menschen einschlågt und viele verwundet, auseinandergetrieben werden. Tags darauf strömen Massen Hungernder, vor allem aus den Vorstädten, ins Stadtzentrum, durchziehen den ganzen Tag die Straßen, besetzen die Märkte und stürmen die Läden einiger als besonders gewinnsüchtig bekannter Bäcker, Fleischer und Lebensmittelhåndler. (1-Roland Bauer)

Mit der Plünderung auf den Märkten war der Lärm nicht beendet, er begann vielmehr erst damit. Die Arbeiter rotteten sich zusammen.
Eine wilde Schar, welche zum großen Teil aus Weibern bestand, zog durch die Straßen, um die Bäcker- und Fleischerläden zu plündern. Sie verband sich mit den vor bitteren Hunger zum Verbrechen Getriebenen, und wo diese nur Brot und Fleisch für die Kinder daheim raubten,
stürmten jene die Konditor- und Zigarrenläden. Geld war ihnen lieber als Ware, sie erbrachen die Ladenkasssen in einzelnen Geschäften. Erst spät am Abend gelang es der Polizei, die Ruhe wieder herzustellen. Schon früh am Morgen des 22. April wiederholten sich die Straßenskandale in verstärktem Maße. Aus den Vorstädten zogen singend und jubelnd große Massen nach dem Alexanderplatz, wo Markt abgehalten werden sollte. (…) Der Polizeipräsident und die städtischen Behörden hatten Bekanntmachungen erlassen, in welchen sie das Volk von Berlin zur Aufrechterhaltung der Gesetze aufforderten und darauf hinwiesen, daß die Gewalttaten nur dazu dienen könnten, die Verkäufer von den Märkten fern zu halten und dadurch die Preise zu erhöhen. Alle solche Ermahnungen aber waren fruchtlos. Auf dem Alexanderplatze wiederholten sich die Scenen des gestrigen Tages. Der Aufruhr gewann sogar einen so gefährlichen Charakter, daß die Ladenbesitzer in vielen benachbarten Straßen die Geschäfte schlossen und die Türen verrammelten, um sich vor Überfällen zu sichern. Den Bäckern nutzte dies nichts, denn ihre Läden wurden trotzdem erstürmt, auch einige andere Geschäfte wurden geplündert. Der Tumult gewann eine solche Ausdehnung, daß Militär einschreiten und die Königsstraße sperren mußte.
Während dies aber hier geschah, wurden in anderen Stadtgegenden die Läden ungestört geplündert. (2 – Zeitzeuge Adolf Streckfuss)

Am 21. April 1847 reichte dann ein geringfügiger Anlaß, nämlich überteuerte „Kartoffeln, die noch dazu klein wie Nüsse waren“ und von einer Bauersfrau auf dem Wochenmarkt auf dem Belle-Alliance-Platz angeboten wurden, um die angestaute Wut zum Ausbruch kommen zu lassen. „Mehrere Weiber“ fielen über die Bäuerin, die zusätzlich durch „derbe Antworten“ provoziert hatte, „her und prügelten sie durch“. Die wütenden Frauen „zerschnitten Säcke mit Kartoffeln“ und bemächtigten sich derselben“. Dieser Markttumult, durch den die ,Kartoffelrevolution‘ ihren Namen erhielt, weitete sich rasch zu einer alle Berliner Stadtteile erfassenden Hungerrevolte aus. Die Hungerrevolte, die eigentlich keine .Kartoffel-, sondern eine Brotrevolution war, weil sie sich in erster Linie gegen Bäckerläden richtete, ging von den Vorstädten aus, in denen die Unterschichten lebten. Jubelnd und singend“ zogen „große Massen zerlumpten Gesindels“ von dort in das Zentrum der Stadt. Im Verlaufe der Excesse beschränkte sich der ,Pöbel‘ nicht mehr nur auf Angriffe auf Bäcker- und Fleischerläden oder Marktstände. Zunehmend gerieten Lokalitäten und Statussymbole der wohlhabenden Berliner Bürger ins Visier, „weil ihr Luxus Erbitterung erregte“. Die Konditoreien Kranzier und Spargnapani sowie mehrere renommierte Hotels wurden angegriffen, die Fensterscheiben des Opernhauses sowie einiger Kirchen zerschlagen. Da außerdem einige Fenster des Palais des Prinzen von Preußen eingeworfen wurden, glaubten manche Zeitgenossen (wohl zu Unrecht), es habe sich auch um „eine Demonstration“ gegen den designierten Thronfolger gehandelt, „da der Prinz […] allgemein als Haupthindernis einer freien Verfassung gilt.“ Am Abend des 21. April wurden außerdem vor dem Schauspielhaus mehrere vornehme Kutschen angehalten und die darin Sitzenden „unter dem Hohngelächter der Menge“ zum Aussteigen gezwungen. Die geringe Achtung vor höhergestellten Personen sollte allerds nicht mit grundsätzlicher Kritik am politischen System verwechselt werden. Indessen war bereits erkennbar, was 1848 eines der Kennzeichen der Revolution werden sollte: die Respektlosigkeit der Berliner Unterschichten vor vornehmen Leuten. 1847 blieb es freilich bei einem folgenlosen, vorpolitischen Protest. Zwar schrieen die am 22. April zum Alexanderplatz strömenden Menschenmassen Arbeitern, die ihnen begegneten, zu: „Wir wollen nach der Revolution!“ Der Begriff Revolution war jedoch nur ein Synonym für politisch noch diffuse Unzufriedenheit und als eine Art Kraftausdruck gedacht, mit dem man konkreten Forderungen mehr Nachdruck zu verschaffen gedachte. An einen Sturz der Hohenzollernmonarchie dachte niemand. Die Ordnungskräfte wurden von den Ereignissen vollkommen überrascht (obwohl es in Europa im Frühjahr 1847 überall zu ähnlichen Hungerrevolten kam). Die Berliner Gendarmen waren dem Ansturm nicht gewachsen; Militär wurde erst nach eineinhalb Tagen, am 22. April abends, zur Unterdrückung der Rebellion herangezogen. Daß insbesondere die herbeigerufene Kavallerie auf die Tumultanten scharf einhieb, mag zwar der raschen Wiederherstellung von „Ruhe und Ordnung“ in der Stadt gedient haben. Es verstärkte jedoch zugleich das Mißtrauen in den Unterschichten gegenüber dem Auftreten von Militärs sowie die gegenseitige Reizbarkeit. Erneuten „Mißverständnissen“, wie sie dann am 18. März 1848 entstehen sollten, war ein fruchtbarer Boden bereitet. Zugleich entwickelten sowohl das verängstigte Berliner Bürgertum als auch die alten Gewalten erste Pläne, wie man derartiger „Übergriffe auf das Eigentum“ für die Zukunft wirkungsvoller Herr werden könnte. Mit der Gründung der „Schutz- Kommissionen“ am 15. März und der Bürgerwehr am 19. März 1848 nahm man bereits während der Kartoffelrevolution diskutierte Ordnungskonzepte, die ihrerseits wiederum auf älteren Vorbildern fußten, dann erneut und erfolgreicher auf. (3 – Rüdiger Hachtmann)