Industrialisierung

Modernisierung war (…) zweihundert Jahre lang gleichbedeutend mit Industrialisierung. Das, was wir »moderne Gesellschaft« nennen und im 18. Jahrhundert in Europa und Nordamerika entstanden war, ist untrennbar mit der industriellen Revolution verbunden, welche die Agrarwirtschaft verdrängte. Adam Smith hat 1776 in ‚Der Wohlstand der Nationen‘ als erster Ökonom diesen tiefgreifenden Wandel skizziert. Ermöglicht durch technische Erfindungen, durch die Freisetzung der ländlichen Bevölkerung und durch eine arbeitsteilige und effiziente Organisation der Produktion in den neuen Fabriken breitete sich im 19. Jahrhundert Schritt für Schritt in Europa und Nordamerika die industrielle Produktion als Herzstück der sich modernisierenden Gesellschaft aus.

Die Standardisierung der Güterproduktion, die Arbeitsteilung, die Urbanisierung sowie die neuen politischen Kämpfe, die vor allem von den sozialistischen Bewegungen und der Industriearbeiterschaft initiiert wurden, sind ihre wichtigsten Merkmale. Man vergisst es heute leicht: Der Prozess, in dessen Verlauf die Industriegesellschaft die Agrargesellschaft verdrängte, dauerte immerhin anderthalb Jahrhunderte.
Karl Marx, der ein großer Theoretiker der kapitalistischen Industriegesellschaft war musste sich Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem Londoner Exil anhören, sein Blick sei auf ein marginales Phänomen gerichtet – denn tatsächlich arbeitete zu seiner Zeit noch die Mehrheit der Briten in der Landwirtschaft oder als Dienstpersonal, wohingegen die Industrieproletarier in Manchester und anderswo lediglich eine kleine Minderheit bildeten! (1 – Reckwitz )

Wie läßt sich nun der Prozeß der Industrialisierung in eine knappe Formel fassen?

Die Definition, mit der wir arbeiten, lautet: Industrialisierung ist der säkulare Prozeß wirtschaftlichen Wachstums unter den Bedingungen zunehmender Mechanisierung, Arbeitsteilung und Intensivierung des Kapitaleinsatzes, ein Prozeß, in dessen Verlauf es zu den skizzierten tiefgreifenden strukturellen Wandlungen in allen Bereichen der Gesellschaft kommt. Im weltgeschichtlichen Maßstab setzte die Industrialisierung um die, Mitte des 18. Jahrhunderts in England ein. In Deutschland waren gewisse Anlaufphänomene — regional und punktuell — seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu beobachten, das eigentliche Durchstarten der Industrialisierung mit dem sog. take off setzte – vergleichsweise spät –im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts ein; sie gewann aber dann rasch an Fahrt und entfaltete bis zum Ende des Jahrhunderts eine immense Dynamik.

Die Industrialisierung stellt in dieser Perspektive zweifellos einen der »Basisprozesse« und gleichsam den Motor der »gesellschaftlichen Evolution« dar.- Sie baut ihrerseits auf bereits länger in Gang befindlichen Teilprozessen der Modernisierung auf, die schon angesprochen wurden — die wissenschaftlich-rationale Durchdringung der natürlichen Welt, die naturrechtliche Idee eines auf freie Selbstbestimmung angelegten Individuums, die Legitimierung politischer Herrschaft aus der Vernunft, die tendenzielle Auflösung ständischer Formen der Vergemeinschaftung und die statusbegründende Macht individueller Leistung, die Formulierung eines bürgerlichen Eigentumsbegriffs und dergleichen mehr. In der Industriellen Revolution verbinden und potenzieren sich diese Teilprozesse, neue Entwicklungen treten hinzu — zuvörderst auf dem Gebiet der Technik. Die kapitalistische Wirtschaftsweise gelangt zu vollem Durchbruch und unterwirft immer größere Teile der Gesellschaft den ganz eigenen Gesetzen ihrer nur auf Gewinnakkumulation gerichteten unerbittlichchen Zweckrationalität.

Aus all dem ergeben sich Sekundärprozesse, welche das, was wir als Modernisierung bezeichnen, weiter vorantreiben und beschleunigen; da sind zu nennen:
— grundlegende Veränderungen im strukturellen Verhältnis der Wirtschaftssektoren, also in erster Linie der Rückgang und Bedeutungsschwund der Landwirtschaft und, damit gekoppelt, der Aufschwung der gewerblichen und industriellen Produktion;
— große Wanderungsbewegungen, die sich vor allem in Verstädterung und Urbanisierung niederschlagen, und, daraus hervorgehend, eines der wichtigsten und kennzeichnendsten Phänomene der Moderne überhaupt: die Großstadt.
— das Aufkommen neuer, marktabhängiger Klassen und Funktionsgruppen in der Gesellschaft, in erster Linie der Industriearbeiterschaft sowie eines >neuen Mittelstandes( der Angestellten, welche die vielfältigen Administrations- und Steuerungsfunktionen wahrnehmen, die in den aufkommenden industriellen Großbetrieben anfallen
— die durch den technischen Fortschritt ermöglichte und zugleich bedingte Verdichtung und Beschleunigung von Kommunikation und Verkehr

Watt’s Dampfmaschine in schematischer Darstellung

(…) Die Umsetzung des Prinzips der Dampfmaschine in einer Vielzahl von Verwendungen in Verbindung mit der Ausbeutung fossiler Energieträger wie der Steinkohle erschloß dem Menschen beinahe unerschöpfliche Potentiale nutzbarer Energie, die zu vergleichsweise geringen Kosten verfügbar waren.
Der wichtigste Initialfaktor im Industrialisierungsprozeß auf der Basis dieser Technologie war zweifellos die Revolutionierung des Verkehrswesens durch die Eisenbahn. Man muß ja bedenken, daß dem Menschen von den frühesten Anfängen seiner Kulturgeschichte bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts für seine Fortbewegung zu Lande nur Tierkräfte zu Gebote standen. Das Pferd bestimmte und begrenzte sowohl die Geschwindigkeit wie die Reichweite seiner horizontalen Mobilität. Indem diese durch die dampfgetriebenen Lokomotiven aus ihrer organischen Beschränkung gelöst wurde, veränderte sich von Grund auf das Verhältnis des Menschen zum Raum und zur Zeit. Die Mechanisierung der Fortbewegung durch die Eisenbahn war der erste und in seinen Auswirkungen auf Mentalität und Kultur der folgenreichste Schritt in der kapitalistischen Emanzipation des Menschen aus den Schranken der organischen Natur. Jahrhundertelang konstante Raumwahrnehmungen von Reisenden und Maßstäbe der Entfernung und der Dauer, die ganz bestimmte Formen des Sehens und Erlebens von Landschaften und Städten geprägt hatten, waren damit quasi von einem Tag auf den anderen überholt. (2 – Bauer)

siehe auch:

http://geschichtsmaterialien.dragonerareal.org/geschichte-der-eisenbahn/

http://geschichtsmaterialien.dragonerareal.org/entwicklung-der-eisenbahn-in-berlin/