Die Lanze und die Geschichte des Schocks

Wir haben sie, die Lanze, diese Königin der blanken Waffen, für unsere gesammte Kavallerie, und inniger Dank erfüllt uns für diesen neuen Beweis weitblickender Fürsorge, unseres Allerhöchsten Kriegsherrn um die Vervollkommung der Gefechtskraft unserer Reiter. (1 – Militärwochenblatt, 1890)

Lanzenübung, DIA-Scan

Lanze.
Die Lanze, welche bei der Bevorzugung des Karabiners infolge der nach dem Krieg 1870/71 anerkannten Notwendigkeit einer Bewaffnung und Ausbildung der Reiterei für das Feuergefecht an Wertschätzung sehr verloren hatte, steigt neuerdings, nach dem Vorgang Deutschlands, im Ansehen. Man ist hier der Ansicht, dass für die schwere Schlachtenreiterei auch heute noch die Lanze die „Königin der Waffen“ sei, während dies für die im Aufklarungsdienst zu verwendenden Kavalleriedivisionen (leichte Reiter) von vielen bestritten wird.
Nachdem man in Deutschland seit 1888 versuchsweise sämtliche Kürassierregimenter, welche gleichzeitig den Küraß ablegten, und zwei Husarenregimenter mit der Lanze bewaffnet hatte, ist 1890 die Bewaffnung der gesamten deutschen Kavallerie mit einer Stahlrohrlanze verfügt worden. Auch die Unteroffiziere führen fortan eine Lanze, jedoch mit Adlerflagge, wahrend die Lanzenflagge der Gemeinen weiß-schwarz (nicht schwarz-weiß) ist. (2 – Meyers Konversationslexikon, 1892)

Attacke deutscher Dragoner

EXKURS
Geschichte des Schocks

Daß der späte Freud seinen Schockbegriff und die Theorie des Reizschutz-Durchbruchs vor dem Hintergrund des Massenphänomens des Granat-Schocks im 1. Weltkrieg entwickelt, erscheint als eine direkte Weiterführung der Geschichte des Schocks bis dahin, die weitgehend militärisch ist.
Das englische Wort »Shock« hat laut Oxford English Dictionary (OED) seit dem 17. Jahrhundert die Bedeutung von Stoß, Schlag, Erschütterung sowohl im materiell physischen wie im übertragenen psychologischen Sinn. Die ursprüngliche Bedeutung, zuerst nachgewiesen für das 16. Jahrhundert, ist militärisch. »Zuerst als militärischer Begriff verwendet«, heißt es im OED, und es bezeichne »das Zusammentreffen einer Streitmacht mit dem Gegner; ebenfalls den Zusammenstoß zweier berittener Krieger.«

Dieselbe Bedeutung nimmt etwa gleichzeitig im Französischen das Wort »choc« an. Hans Delbrück zitiert den Marschall Blais Monluc über den Zusammenstoß der feindlichen Truppenkörper in der Schlacht bei Ceresole 1544: »Alle, die im ersten Glied standen, wurde zu Boden geworfen, und zwar entweder durch den Anprall (choc) oder die Stöße (coups).«
Bevor das Wort im Englischen und Französischen diese Bedeutung annimmt, bezeichnet es im germanischen Sprachraum »einen Haufen Garben«, später die genaue Zahl 60, aber es gibt Schock auch schon in »allgemeinerer Verwendung als unbestimmter Mengenbegriff … meist von Menschenmengen, Heerhaufen.« (Grimm »Deutsches Wörterbuch«).
Nach Trübner ist das Wort Schock über das mittelniederländische »schokken« = (zusammen-)stoßen in die romanischen Sprache eingedrungen.

Eine mögliche Erklärung dafür, wie aus dem allgemeinen Wort »zusammenstoßen« die spezifische militärische Bedeudeutung Schock entstehen konnte, findet man bei Lynn White, der Entstehung der neuen Kampfform des »mounted shock combat« als Resultat der technischen Innovation des Steigbügels in der 1. Hälfte 8. Jahrhunderts beschreibt: »Indem der Steigbügel zusätzlich zu dem Sattelknopf (pommel) und den Sattelkranz (kantle) vorne und hinten gegebenen Halt noch einen seitlichen Halt gewährleistete, wurde den Pferd und Reiter wirkungsvoll zu einer Kampfeinheit zusammen geschweißt, die eine bis dahin unbekannte Stoßkraft (violence) ermöglichte. Die Hand des Kriegers führte den Stoß (blow) nun nicht selber aus, sondern sie leitete ihn bloß. Der Steigbügel ersetzte also die Kraft des Menschen durch die des Tiers und erhöhte damit wesentlich die Destruktionskraft des Kriegers. Dadurch wurde mit einemal ohne jeden Zwischenschritt, eine revolutionär neue Kampfweise möglich, der berittene Stoß-Angriff (mounted shock combat).«

(…)
Ist die durch den Steigbügel möglich gewordene Verschwelzung der Energien von Reiter und Pferd zum neuartig machtvollen Lanzenstoß der erste entscheidende Schritt zur Herausbildung des militärischen Schocks, so findet der zweite entscheidende Schritt mit der Entstehung
des modernen Heerwesens in der frühen Neuzeit statt. Sombart, der dieses moderne Heerwesen als eine der wichtigsten Triebkräfte der frühen kapitalistischen Entwicklung dargestellt hat, gibt eine schöne Beschreibung des Unterschieds zwischen Ritterheer und neuzeitlichem Massenheer, aus der hervorgeht, wie nun der militärische Schock nicht mehr von der Einheit Reiter/Pferd ausgeführt wird, sondern von der neuen Groß-Einheit des gesamten Heerhaufens. Sombart charakterisiert das moderne Heer dadurch, daß es »durch seine Größe, durch die zu einer taktischen Einheit zusammengefaßten Kriegerhaufen wirkt. Wenn tausend Ritter im Kampfe standen, so bildeten sie keine einheitliche Masse, sondern tausend Einzelkrieger fochten nebeneinander: tausend moderne Kavalleristen sind zu einem Stoße gleichsam vereinigt, wenn sie eine Attacke reiten«

(…) Sombart, der in dieser neuen Heeresform eine Analogie zu anderen modern-kapitalistischen Formen der Arbeitsteilung sieht, stellt die Konsequenz fest, die das hinsichtlich der persönlichen Entfaltung des Einzelkriegers hat, nämlich es setzt ihr ein Ende, indem die zum Truppenkörper zusammengefaßten Individuen nur ausführendes Organ einer ihnen äußerlichen Leitinstanz sind: »Die Funktionen der (geistigen) Leitung und der (körperlichen) Aktion sind also getrennt und werden von verschiedenen Personen ausgeübt, während sie früher in einer und derselben Person zusammengefügt waren.«
(…)

So bedeutsam die Analogie von Militärorganisation und Wirtschaftsleben auch ist, uns interessiert der grundlegende Unterschied zwischen beiden. Im Wirtschaftsleben erscheint die neuerworbene mechanisierte Kollektivität der Manufakturen und später der Industrieproduktion sozusagen friedlich. Sie ist produktiv, und sie reproduziert sich in ihrer linearen Mechanik. Im Militär dagegen ist der Zweck der mechanischen Organisation die Vernichtung des Gegners, die Austragung des militärischen Zusammenstoßes, eben das, was die ursprüngliche Bedeutung von »Schock« meint. Damit ist die ganz spezifische Bedeutung dieses Wortes konkretisiert. Schock bezeichnet den Zusammenstoß zweier Truppenkörper, deren jeder, indem in ihm eine Vielzahl von Kämpfern zu einer entindividualisierten und mechanisierten Einheit zusammengefaßt ist, eine neuartige einheitliche Energieballung darstellt. Das Neue an diesem militärischen Zusammenstoß ist sowohl seine Heftigkeit (aufgrund der Energieballung) wie der Grad der Zerrüttung der Elemente dieser Energieballung. Das Ausmaß der Zerrüttung ist proportional dem Grade der Energieballung. Was wir im Zusammenhang -des technischen Unfalls die Fallhöhe einer Apparatur genannt haben, finden wir hier wieder: je höher Konzentrationsgrad oder Mechanisierung miteinander kollidierender Truppenkörper, umso heftiger ist der Schock des Zusammenstoßes, umso größer die Zerrüttung der Elemente, die das Ganze bilden. Auf diesen militärischen Sachverhalt bezieht sich die »Shock«-Definition des OED, die besagt: »Ein plötzlicher kraftvoller Schlag, Aufprall oder Zusammenstoß, mit der Tendenz, den betreffenden Körper zu vernichten bzw. sein Inneres in Schwingungen zu versetzen.«
Es bedurfte also offenbar der modernen Heeresorganisation, dieser neuartigen Zusammenfassung entindividualisierter Einzelkämpfer zu einem einzigen Truppenkörper, um im Begriff des Schocks ein neuartiges Ereignis von Gewaltentladung zu fassen.

Diese neue Form des Militärs bildete sich zunächst auf der Grundlage der überlieferten Waffentechnik. Die Standardwaffe der modernen Massenheere bis ins 17. Jahrhundert hinein ist noch nicht die Flinte, sondern sind die Trutzwaffen Pike und Hellebarde. Erst im Lauf des 18. Jahrhunderts werden die Handfeuerwaffen allgemeiner Standard in den europäischen Heeren. Sie stabilisieren nun allerdings nicht allein die Tendenz zur Mechanisierung der Truppenkörper, sondern heben diese Mechanisierung auf ein neues Niveau. Man kann diese Rolle der Handfeuerwaffen vergleichen mit derjenigen, die die Dampfmaschine in der industriellen Revolution spielte: Sie setzen vorhandene Entwicklungen auf neuem technischem Niveau fort. Im Unterschied zu den Trutzwaffen, deren Bedienung sozusagen handwerkliche Fähigkeiten der Soldaten erforderte, stellen die neuen Feuerwaffen leicht handhabbare Mechanismen dar. Sie sind die technische Entsprechung zur bereits fest etablierten Mechanik der Truppenorganisation. »Diese Reform der Kriegführung«, kommentiert Feld den Übergang von den Trutz- zu den Feuerwaffen im 18. Jahrhundert, »hatte ihre Entsprechung in der industriellen Produktion im Übergang von der handwerklichen zur manufakturellen Produktionsweise.«
Die neue Qualität des Kampfes mit Handfeuerwaffen besteht im endgültigen Verlust der „persönlichen“ Beziehung der Kämpfenden aufeinander, wie sie im Kampf mit den Trutzwaffen immerhin in einem gewissen Grade noch enthalten war. Das Charakteristikum der neuen Kampfweise wird die Salve, das kollektive ungezielte Schießen des gesamten Truppenkörpers. Delbrück über diese neue Taktik des 18. Jahrhunderts: »Bei der großen Unsicherheit des einzelnen Schusses verzichtete man von vornherein auf das Zielen und sogar auf jede Ausbildung im Zielen, und suchte die Wirkung in dem möglichst schnell hintereinander abgegebenen Massenfeuer, der auf Kommando abgegebenen Salve. Wenn Friedrich (II. von Preußen, W. S.) noch vorschrieb, daß man das Feuern nicht übereilen solle, „weil ein Kerl zuforderst sehen muß, wo er hinschießt“, so ist später das Zielen sogar direkt verboten worden. Dagegen wurde der höchste Wert darauf gelegt, „daß die Salve gut zusammenbrenne und klinge wie ein Schuß.“
(3 – Schivelbusch)