Die Frühjahrs- und Herbstparaden auf dem Tempelhofer Feld

Im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit standen in Berlin die auf das Paradefeld führende Bellealliancestraße und vor allem die dort gelegene Kaserne des 1. Garde-Dragoner-Regiments, in der viele Angehörige der Kaiserfamilie ihre Pferde bestiegen.

Postkarte von 1910, die das erste Dragoner Regiment beim Ausmarsch zur Parade zeigt

Die Ritualisierung der militärischen Ausbildung im Paradezeremoniell
Das zeremonielle Herzstück des nationalen Militärkultes, die Truppenparaden vor dem jeweiligen Staatsoberhaupt, entstand als Ergebnis eines in der Frühen Neuzeit mit der Herausbildung stehender Heere einsetzenden Entwicklungsprozesses, in dessen Verlauf der militärische Drill zunehmend ritualisiert und seiner ursprünglichen kampftaktischen Funktionen beraubt wurde. (…)
Kernstück der Ausbildung war das formalisierte Exerzieren, bei dem einzelne Bewegungsabläufe – wie etwa das Nachladen der Gewehre oder das geordnete Vorrücken der Truppenverbände – auf Befehl der Vorgesetzten stereotyp durch die Soldaten eingeübt wurden. (…)

Die allmähliche Ritualisierung des Paradezeremoniells belegt auch der Bedeutungswandel, dem das Wort »Parade« in den deutschen Konversationslexika im 19. Jahrhundert unterworfen war. Dabei verschob sich der Gebrauch des Wortes von einem Synonym der »Revuen« immer stärker zu einer Bezeichnung der zunächst als »große Paraden« gekennzeichneten feierlichen Veranstaltungen mit ihrer stereotypen Zweiteilung in »Honneurs« (feierliche Begrüßung, Abschreiten der Front) und Vorbeimarsch der Verbände. (…)
Vor allem Kaiser Wilhelm II. legte (…) besonderen Wert auf diese militärische Beurteilung, da er die Paraden als zentrales Element bei der Erziehung der Rekruten zur militärischen Männlichkeit betrachtete. (…)
Die von Wilhelm II. formulierte Auffassung entsprang somit der in Militärkreisen bis ins 20. Jahrhundert verbreiteten Meinung, daß der formale Drill und die gleichgerichtete Bewegung der Soldaten unerläßlich für die Disziplin der Truppen sei und damit als Kernpunkt der militärischen Ausbildung angesehen werden müsse. (…)

Als am 1. September 1909 die Truppen zur alljährlichen Herbstparade des Gardekorps auf dem Tempelhofer Feld bei Berlin in Felduniform, also ohne die üblichen farbenprächtigen Paradeuniformen, erschienen, war die Verwunderung der zahlreichen Zuschauer außerordentlich groß. Einzelne Anwesende vermuteten sogar, es gäbe »gar keine richtige Parade, sondern ein großes Gefecht«, mit dem der Kaiser die Herbstmanöver beginnen lassen wolle. (…)

Eine weitere Ausnahme im Rhythmus der jährlichen Kaiserparaden bildete die preußische Garde, die als einziges Armeekorps der gesamten Monarchie jedes Jahr sowohl im Frühjahr als auch im Herbst zur Parade vor dem Kaiser antrat. Die beiden Frühjahrsparaden der Garnisonen Berlin und Potsdam sowie die große Herbstparade auf dem Tempelhofer Feld bei Berlin hoben die Gardetruppen deutlich gegenüber den anderen Verbänden des Reiches hervor, die nur alle sechs bis neun Jahre vor dem Kaiser defilierten. Diese Sonderstellung im Zyklus der Kaiserparaden hing eng mit der Rolle der preußischen Garde als monarchischer Eliteverband zusammen, welche sie mit ähnlichen Verbänden der europäischen Heere des 19. Jahrhunderts, etwa der kaiserlichen Garde im napoleonischen Frankreich, teilte. Ihr Elitecharakter äußerte sich dabei nicht nur in dem speziellen Rekrutierungsmodus der im ganzen Land streng ausgewählten Soldaten, sondern auch in ihrer besonders häufigen Inspektion durch den Kaiser. Entsprechend wurden die Gardesoldaten in preußischen Militärkreisen gerne »als die militairischen Repräsentanten der gesamten Monarchie« bezeichnet. Zudem bestand zwischen dem preußischen Herrscherhaus und der Garde eine persönliche Beziehung, die sich unter anderem darin äußerte, daß sämtliche männliche Mitglieder der Königsfamilie bereits in ihrem zehnten Lebensjahr zu Offizieren in einem Garderegiment ernannt wurden. Die Paraden in Berlin und Potsdam, an denen üblicherweise neben dem Kaiser auch die übrigen Mitglieder der Herrscherfamilie teilnahmen, dienten damit auch der rituellen Bekräftigung der engen Verbindung zwischen dem preußischem Königshaus und der Armee. Da überdies die Garderegimenter eine zentrale Funktion bei der Repräsentation der preußisch-deutschen Monarchie übernahmen, setzten die häufigen Militärfeiern in Berlin und Postdam ein deutliches Zeichen für die Ausrichtung des Armeekultes auf die Hohenzollern und die neue Reichshauptstadt. Der besondere Charakter der Paraden des Gardekorps äußerte sich auch in dem auffallenderen Erscheinungsbild der Veranstaltungen. Zwar unter schied sich der militärische Ablauf der Feierlichkeiten nicht wesentlich von dem allgemeinen Zeremoniell der Kaiserparaden, doch gaben die aufwendig gestalteten Uniformen des Gardekorps den Feiern ein besonderes Gepräge. Auch unterschieden sich die Soldaten der Garde von den Angehörigen der übrigen Regimenter durch ihre größere Statur, da diese ein entscheidendes Kriterium für ihre Rekrutierung für den Eliteverband darstellte. Vor allem besaßen die Paraden des Gardekorps aber durch die Entfaltung der gesamten Pracht der höfischen Repäsentation eine besondere Wirkung. So urteilte die »Vossische Zeitung« über die 1880 einige Tage nach der Parade der Garde auf dem Tempelhofer Feld veranstaltete Militärfeier des III. Armeekorps:
»War das Gesamtbild an und für sich auch prächtig, so glanzvoll wie am 1. September [bei der Parade des Gardekorps] war es doch nicht. Die packende Masse der sonst passierenden Generale, die fremden Fürstlichkeiten, die Hofequipagen mit den Vorreitern und der feurigen Bespannung, alles dies fehlt.« (…)

Die Truppen von der Parade zurückkehrend, Friedrichstraße, 1913, Eigene Sammlung

Die in Berlin und Potsdam veranstalteten Paraden erhielten ihre besondere Prägung nicht nur durch den Auftritt des Gardekorps, sondern auch durch die Anwesenheit einer Reihe von Personen, die als Mitglieder der sogenannten »Hofgesellschaft« die weitere Umgebung des Monarchen bildeten. Nach der zeitgenössischen Definition gehörten hierzu die in Berlin anwesenden Fürsten, hohen Militärs, Diplomaten sowie die diensttuenden Hofchargen. (…)
Allerdings handelte es sich bei dieser »Hofgesellschaft« – anders als ihre in der Forschung gebräuchliche Definition auf der Grundlage der Bestimmungen des »preußischen Hof-Rang-Reglements« suggeriert – nicht um eine konstante und klar abgegrenzte Gruppe, sondern um eine unbestimmte Zahl von Personen, die mehr oder weniger regelmäßig an den verschiedenen Hoffeierlichkeiten teilnahmen.Ihre Zusammensetzung war zudem trotz der über die Jahre gleichbleibenden Regelungen des »preußischen Hof-Rang-Reglements« keineswegs konstant. Am augenfälligsten war nach den Einschätzungen von Zeitgenossen insbesondere der Wandel, dem die Hofgesellschaft im Laufe der Regentschaft Kaiser Wilhelms II. aufgrund der Nobilitierung vieler bürgerlicher Beamter und Offiziere sowie durch die Zulassung einzelner bürgerlicher Industrieller und Millionäre unterworfen war. (…)
Da viele Mitglieder der Hofgesellschaft, wie der Berliner Polizeipräsident notierte, sich aufgrund des offiziellen Charakters der Feierlichkeiten »verpflichtet fühlten«, den Militärparaden beizuwohnen, mußte seine Behörde aber immer wieder Anfragen der Privatpersonen ablehnen. Die vom Polizeipräsidium ausgegebenen Zulaßkarten erlaubten es, im Wagen die Absperrungen um das Tempelhofer Feld zu passieren und so der militärischen Feier in der Nähe des Kaisers beizuwohnen. Da bis zum Jahre 1905 keine Tribüne auf dem Paradefeld existierte und auch sonst der Bevölkerung kein Zugang zu dem Geschehen gewährt wurde, waren die Wagenzuschauer über lange Zeit die einzigen Personen, die neben den an der Parade beteiligten Truppen und dem kaiserlichen Gefolge direkt das feierliche Geschehen verfolgen konnten und so die offizielle Öffentlichkeit« der Berliner Militärfeiern darstellten. Entsprechend aufschlußreich ist es, über die Akten der Berliner Polizeibehörde einen Einblick in die Zusammensetzung dieser Paradeöffentlichkeit zu erlangen. Nach Berechnungen des Polizeipräsidiums von 1890 lag der durchschnittliche Bedarf an Wagenplätzen pro Parade bei 280 Stück, von denen rund zwei Drittel von den verschiedenen in Berlin ansässigen Militärbehörden reklamiert wurde. Diese verteilten die ihnen zugewiesenen Karten an die ihnen unterstellten höheren Offiziere. Offensichtlich existierte jedoch keine genaue Regelung über die Zahl der auszugebenden Karten, da in Einzelfällen durchaus mehr als 280 Karten verteilt werden konnten. So wurden beispielsweise für die erste Parade des Gardekorps vor Kaiser Wilhelm II. im Herbst 1888 375 Karten vom Polizeipräsidium ausgestellt, da in diesem Fall eine besonders hohe Zahl nicht-militärischer Zuschauer das Geschehen direkt auf dem Paradefeld verfolgen wollte. (…)
So zeigt eine nach der beruflichen Position der Antragsteller gestaffelte Aufstellung der Berliner Polizei über die 275 Karten der Frühjahrsparade von 1890 folgendes Bild:
26 Hofchargen
4 »fremde Gesandtschaften« und Konsulate
42 Minister, Staatssekretäre und Botschafter
3 Militär
181 Beamte
16 Abgeordnete
4 Stadtverordnete und höhere städt. Beamte
2 Privatleute
16 »Damen«
1 Zeitungskorrespondenten (…)

Die militärisch-höfische Dimension der Berliner Paraden wurde zudem dadurch unterstrichen, daß von offizieller Seite die Zulassung breiter Kreise der Bevölkerung zu den Feierlichkeiten über lange Zeit abgelehnt wurde. Zwar konnte man Zuschauer nicht völlig von den Veranstaltungen fernhalten, doch sperrte die Polizei das Tempelhofer Feld so weiträumig ab, daß nur die Wagenzuschauer das Paradegeschehen direkt verfolgen konnten. Lag der ursprüngliche Zweck der polizeilichen Absperrungsmaßnahmen darin, die »militärischen Dispositionen« vor einer Störung zu bewahren, so führte die Absperrungslinie zu einer deutlichen räumlichen Trennung von militärisch-höfischer Feierlichkeit und schaulustiger Bevölkerung. Damit wurde ein »symbolischer Raum« geschaffen, der sich als »Paradefeld« strikt von dem allgemein zugänglichen Raum abgrenzte und nur von der kleinen Gruppe offizieller Zuschauer betreten werden durfte. (…) [1-Vogel]

Litho Berlin Tempelhof, Parade auf dem Tempelhofer Feld, 1899, Eigene Sammlung

Paradeshows

Die Militärrevuen vom 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf dem Tempelhofer Feld waren noch ganz anders verlaufen als die späteren Paraden. Diese dienten in erster Linie nur der Inspektion der Regimenter durch den König und seine Generäle. Die ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Friedenszeiten regelmäßig stattfindenden Frühjahrsparaden Ende Mai und die Herbstmanöver und Paraden im September wurden gegenüber den alten Militärrevuen gleichzeitig zu einem Höhepunkt im kulturellen öffentlichen Leben der Stadt.

Der Aufmarsch führte dabei immer durch das Hallesche Tor über die Tempelhofer Straße. Die Breite des heutigen Mehringdamms erinnert noch immer an die Funktion dieser Straße. Nur wenige lehnten das militärische Massenspektakel so entschieden ab, daß sie ihm bewußt fernblieben. Nicht nur der Baedeker rühmte seinerseits das »unvergleichliche militärische Schauspiel« als touristische Attraktion. Darf man einem volkstümlichen Gedicht glauben, vergaßen die Zuschauer am Paradetag jeglichen Ärger des Alltags — es ging zu wie in Köln beim Karneval:

„Und wenn nu jar zur Herbstparade de Milliteers nach Temploh ziehn… schimpft ick ooch uf die Steuern jrade Voruf marschier‘ ick ohne Jnade, denn dafor stamm ick aus Berlin! „

Aus allen Berichten und anekdotenhaften Schilderungen ist immer wieder herauszuhören: Es lag viel an dem kurzweiligen Drumherum, daß die öffentliche Zurschaustellung künftiger Kriegsteilnehmer zu einem Volksvergnügen geriet. Die Kombination des Militäraufmarsches mit Bier, Bockwurst und Bouletten ließ den Paradeakt zu einem Höhepunkt des Berliner Freizeitlebens werden. Die Popularität der bunten Militäraufzüge wird noch verständlicher, wenn man bedenkt, daß es vergleichbare Großveranstaltungen mit Volksfestcharakter in Berlin nicht gab, weder religiöse Prozessionen noch Karnevalsumzüge. Schützenfeste waren schon lange verboten, und die einzige Konkurrenz, die großen Arbeiterdemonstrationen, oft ebenfalls. Ansonsten mußten bei diesen die Fenster geschlossen bleiben, Balkone durften nicht betreten werden und in der Straße selbst war dem Nicht-Demonstranten der Aufenthalt verboten.
Bestaunt bei dem Aufmarsch wurden die verschiedenen Aufmachungen der Regimenter in Glanz und Gloria.

Die Garde-Dragoner gehörten dabei zu den Star-Regimentern (im Volksmund wurden sie Trojaner genannt). Dies bewirkte nicht nur ihre kornblumenblaue Paradeuniform mit weißem Roßhaarbusch auf dem blinkenden Helm, gleichzeitig trugen sie durch ihr stolzes Auftreten ein hohes Selbstwertgefühl zur Schau. Ohnehin fühlten sich alle Kavallerie-Regimenter gegenüber den Fußtruppen als etwas besseres.
Berlins Kinder erhielten an Paradetagen schulfrei. Die Erlebnisse dieser Tage waren anschließend Gegenstand des Unterrichts. Auch Äußerungen im sozialdemokratischen Vorwärts blieben zwiespältig. Kritisiert wurden meist nur die Auswüchse des Paraderummels: »Die Herbstparade des Garde-Corps fand gestern in üblicher Weise statt. Unter dem Publikum, welches sich gestern früh in der Belle-Alliance-Straße aufgestellt hatte, um sich den Aufmarsch der Paradetruppen anzusehen, bewegte sich ein Postkartenhändler, der wie das Berliner Tageblatt meldete, ein neues zugkräftiges Empfehlungswort für seine Ansichtskarten in Anwendung brachte. Er rief nämlich: Meine Herren! Kaufen Sie die letzten Paradepostkarten vor dem ewigen Frieden! Dieser Schlagfertigkeit des Berliners wird der kommende Weltfrieden hoffentlich keinen Abtrag thun.

Die erbeuteten Fahnen auf dem Tempelhofer Feld, Postkarte 1913, Eigene Sammlung

«Die Parade als Inszenierung der Macht« erfüllte ihre Bestimmung. Die Frage, »warum« dieses so funktionierte, sollte unter anderem berücksichtigen: Das Monopol des Militärs auf eigene Bewegungsform, eigene Formation, eigenes Aussehen, eigenes akustisches Spektakel gab dieser Institution eine Identität, die zusätzlich durch die eigene Geschichtsschreibung in Preußen-Deutschland unvergleichlich war. Dagegen der Mensch, der, als Arbeiter oder Bürger im Aufbruch in die Moderne, sich seiner Identität immer wieder aufs neue versichern mußte. So mag es nicht verwundern, wenn nicht zuletzt die sinnliche und geistige Wucht der Militärshow, die in dieser Einheit Vollkommenheit vorführte, den Zuschauer faszinierte. Galt es bei dieser Inszenierung doch nicht, selbstkritisch um das Wissen, um den Menschen zu grübeln; hier war es die einfache Selbstsetzung von Stärke, die zum Mitfühlen aufforderte. [2 – Galli]

siehe auch:
http://geschichtsmaterialien.dragonerareal.org/disziplin/
http://geschichtsmaterialien.dragonerareal.org/leitfaden-zum-theoretischen-unterricht-fuer-das-koeniglich-preussische-garde-dragoner-regiment-1844/