Bebauungsplan für Berlin und seine Umgebungen von 1862

Nach seinem Hauptverfasser, dem Baumeister für Wasser-, Wege- und Eisenbahnbau James Hobrecht, wird er Hobrecht-Plan genannt. Es handelte sich um einen Fluchtlinienplan, der festlegte, welche Grundstücke bebaut werden durften und welche für Straßen und Plätze freizuhalten waren. Er ist so etwas wie die Matrix der kaiserzeitlichen Großstadt geworden, man spürt es bis heute, wenn man durch HobrechtPlan-Gelände geht.

Ausschnitt: Bebauungsplan für Berlin und seine Umgebungen von 1862

Hobrecht und seine Mitarbeiter im Kommissarium zur Ausarbeitung der Bebauungspläne skizzierten nach ausführlichen Kartierungsarbeiten zwei Gürtelstraßen, die Berlin, Charlottenburg, Teile von Reinickendorf, Weißensee, Lichtenberg, Rixdorf und Wilmersdorf umfassten. Im Westen, Norden und Osten lag der äußere Gürtel viel weiter von der Stadtmauer entfernt als im Süden, weil dort ältere Pläne eingearbeitet wurden. Die Radialstraßen kreuzten Chausseen. Der zu bebauende Raum zwischen ihnen wurde in Quartiere von etwa fünfzigtausend Quadratmetern geteilt, wobei jedes Quartier zum Zentrum einen grünen Platz erhalten sollte. Ring-, Verbindungs- und Nebenstraßen unterschieden sich in ihrer Breite. Vorgesehen waren rechteckige und quadratische Baublöcke verschiedenen Zuschnitts, die sich an der Bebauung der südlichen Friedrichstadt und der Luisenstadt orientierten.“ (…)
Eine prägnante Idee Lennes übernahm Hobrecht für seine Gürtelstraße im Süden, die Folge von breiten Straßen und Schmuckplätzen, die als «Generalszug» bekannt wurde: Gneisenaustraße – Yorckstraße – Wahlstattplatz – Dennewitzplatz – Bülowstraße – Nollendorfplatz – Kleiststraße – Wittenberg-platz. Der Wahlstattplatz sollte zwischen den Gleisen der Potsdamer und der Anhalter Bahn entstehen, doch setzten sich auch diesmal die Eisenbahngesellschaften durch; der Straßenverlauf musste geändert werden, die Yorckstraße überspannten mehrere Eisenbahnbrücken, im Laufe der Jahre wurden es fünfundvierzig. Der Schriftsteller Johannes Trojan sprach 1903 von der «Gegend der vielen Brücken». Wenige Häuser, Holz- und Kohlenplätze und mehrere Kneipen zierten das Straßenstück, das unter acht Brücken der Potsdamer und Anhaltischen Bahn hindurchführte: «Zur Warnung für Rosselenker ist am Ende der Bülowstraße eine Tafel errichtet mit der Aufschrift: Es fahren aber unaufhörlich Züge über die Brücken mit Donnergetöse, das dem unter ihnen hinwandelnden Wanderer durch und durch geht .»(…)
Die neue Bauordnung von 1853 forderte zwar auch ausreichend Luft und Licht, legte die erlaubte Minimalgröße der Hinterhöfe jedoch allein nach Feuerwehrgesichtspunkten fest. Damit die Feuerspritzen wenden konnten, mussten die Höfe 5,34 Meter lang und 5,34 Meter breit sein. Die zulässige – Gebäudehöhe richtete sich nach der Straßenbreite. Kellerwohnungen waren nicht verboten. Die Bauordnung des Großen Kurfürsten hatte den Wandel vom Giebelhaus zum traufständigen Stockwerkshaus, dem sich ohne Lücke ein weiteres anschloss, befördert. Der Bauordnung von 1853 und ihrer Ausnutzung durch Geschäftstüchtige verdankten die Berliner zu enge Hinterhöfe, Schalltrichter, in die kaum Licht drang. (1 – Bisky)

Bebauungsplan für Berlin und seine Umgebungen von 1862

[Der Hobrecht-Plan hat zusammen mit der Baupolizeiordnung von 1853] die unsoziale bauliche Entwicklung Berlins zur größten Mietskasernenstadt der Welt verursacht. Unter Mißachtung der Erfahrungen anderer Großstädte geht Hobrechts Plan, noch auf ausdrücklichen Wunsch Friedrich Wilhelms IV., von dem für Berlin ganz unpassenden Vorbild des Pariser Stadt- und Bebauungsplanes aus. Den Pariser Boulevards sollen die Ringstraßen entsprechen. So entsteht eine nur schwache, ärmlichere und den Berliner Bedingungen nicht angepaßte Kopie dieses Planes. Bis weit in die ehemalige Feldmark hinaus konzipiert, bleibt Hobrechts Idee viele Jahre nur auf dem Papier und gibt damit den Grundbesitzern die Gelegenheit zu umfangreichen Spekulationen und maßlosen Bodenpreissteigerungen. 1872 stellt der Statistiker Ernst Engel fest: »Auf zwei Meilen im Umkreis von Berlin ist sämtliches Land in die Hand von Baustellenspekulanten übergegangen, ohne daß an eine Bebauung dieses Landes auf Jahre hinaus zu denken wäre. « Im Vergleich zu London liegen die Berliner Bodenpreise zu dieser Zeit acht- bis zehnmal höher. Und daher wird jeder Quatratmeter ausgenutzt und statt in die Breite vor allem in die Höhe gebaut. So entstehen dann vor allem nach 1870 massenhaft Mietskasernen. (2 – Bauer)