1848 – Barrikadenkämpfe in Berlin

Heutzutage beziehen sich alle deutschen politischen Parteien auf diese Märzrevolution, doch die heutige Geschichtsschreibung reduziert die 48er Revolution einseitig auf die parlamentarische Tradition – die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche und nicht die Barrikadenkämpfe in Berlin.

Die Rezeption der Geschichte der Straßendemokratie findet nicht statt.

Die Barricade an der Kronen- und Friedrichstraße am 18.März 1848 –
F.G. Nordmann, Farblithograpie, Berlin, 1848

Barrikaden am 18.März 1848 in Berlin – Einzeichnung in den heutigen Stadtplan

13.März
Volksversammlung „Unter den Zelten“ mit 10000 Teilnehmern. Als die Massen durch das Brandenburger Tor heimkehren, werden sie von Kavallerie auseinandergetrieben, mehrere Verletzte, 1. Barrikade in der Grünstraße.

14.März
Bekanntmachungen von Magistrat und Polizeipräsidium fordern das Volk zur Ruhe auf.
Der König empfängt nachmittags die Deputation der Behörde unter Leitung von Oberbürgermeister Krausnick.
König: der Landtag sei schon für den 27. 4, einberufen; die übrigen Forderungen könne nur der Landtag gewähren. Diese Stellungnahme wird abends in der Stadt veröffentlicht.
Abends brutales Vorgehen der Kavallerie gegen spazierengehende Bürger. Proteste angesehener Bürger (…) heftige Straßendiskussionen, angeregt auch durch die Nachricht der Wiener Revolution. Als Militär anrückt, fliegen die ersten Pflastersteine. Es werden kleinere Barrikaden gebaut, niemand hat Waffen, um sie zu verteidigen. Es wird der Ruf nach Waffen laut. Es gibt nun bereits mehrere Tote.

16.März
Überall diskutierende Gruppen über die Ereignisse der letzten Tage. Es verbreitet sich eine Revolutionsbegeisterung, verstärkt durch die Wiener Revolution. Eine Ministerkonferenz beschließt die Bildung bürgerlicher Schutzkommissionen mit amtlichem Charakter: Einsetzung von „Schutzbeamten“ mit weißen Armbinden und weißem Stock. Die Stadtverordneten akzeptieren die Schutzbeamten, fordern gleichzeitig eine Bürgerwehr (ausschließlich aus Bürgern gebildet). Die Schutzbeamten werden nicht ernst genommen, abends wieder Militäreinsatz, Schüsse in die Menge, wieder Tote und Verwundete.

17.März
Schon frühmorgens viele kleinere Versammlungen: es geht um Arbeiterforderungen nach Arbeit, mehr Lohn, Schutz durch den Staat, Arbeiterministerium. In den Mittelpunkt rückt die notwendige Volksbewaffnung. Nachmittags Versammlung der Schutzbeamten: dem König sollen die Volkswünsche am 18., 14 Uhr, durch eine Deputation, mächtige Demonstration und Kundgebung vorgetragen werden. Die Schutzbeamten verbreiten diesen Beschluß rasch in der Stadt.

18.März
Vormittags läßt der Magistrat in der Stadt verbreiten, ein Gesetz über die Pressefreiheit sei bereits gewährt, der Landtag schon zum 2. 4. (vorher erst zum 27. 4.) einberufen, weitere freiheitliche Gesetze würden vorbereitet. Gegen Mittag 10 000 auf dem Schloßplatz, teils um den Beschluß der Schutzbeamten auszuführen, teils um dem König, wegen der Liberalisierung zuzujubeln. Im Schloßhof wird Militär entdeckt, deshalb wird gerufen: „Militär zurück! Die Soldaten fort!“ Der König gibt den Befehl, den Schloßplatz von den Massen zu säubern. Die Kavallerie rückt mit gezogenen Säbeln wor. Es fallen 2 Schüsse. Es wird niemand verletzt, aber das Volk fühlt sich verraten und bedroht.

Es entstehen rasch Barrikaden, Waffen werden durch Einbruch in Waffenläden und durch Entwaffnung der Wachmannschaften besorgt. Der Kampf dauert vom Nachmittag an die ganze Nacht hindurch bis zum 19. morgens 5 Uhr. Das Militär hat wichtige Teile der Stadt besetzt. 183 Barrikadenkämpfer sind gefallen, die meisten jüngere Handwerker und Lohnarbeiter, auch 5 Frauen. Die Truppen erhalten den Befehl, nicht mehr weiter anzugreifen. Der König erläßt eine Proklamation, worin er den revolutionären Kampf des Volkes als eine verräterische Aktion ausländischer Agenten darstellt. Die Berliner zerreißen diese Zettel.
Im Laufe des Vormittags ziehen sich die Truppen auf königlichen Befehl zurück, verlassen die Stadt unter dem Siegesjubel des Volkes. Graf Arnim wird mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Eine Massenversammlung auf dem Schloßplatz setzt die Freilassung aller gefangenen Barrikadenkämpfer durch. Zum Kommandanten der Bürgerwehr wird der Polizeipräsident v. Minutoli vorgeschlagen, der zusammen mit Dr. Woeniger u. a. die Leitung annimmt.
Die Bürgerwehr wird mit Waffen und Uniformen ausgestattet, übernimmt noch am selben Tag die Schloßwache. Die in Berlin gebliebenen Truppen ziehen sich in die Kasernen zurück.
Zur Feier des Sieges wird die Stadt am Abend beleuchtet. Tanz auf den Straßen, Umtrünke, politische Versammlungen, Straßendiskussionen.
In der Nacht kommen die freigelassenen Barrikadenkämpfer aus Spandau zurück, wo sie mißhandelt worden waren.

20.März
Graf Arnim bleibt trotz seiner konservativen Gesinnung Ministerpräsident, erläßt den Befehl an die Beamten, sie sollen sich in möglichst hoher Zahl an der Bürgerwehr beteiligen, was auch geschieht.
Nachmittags Jubel des Volkes über die Amnestie aller wegen politischer Pressevergehen Verfolgter, Freilassung der revolutionären Polen, die 1847 verurteilt worden waren. Die Polen machen einen großen Triumphzug: Mieroslawski steht auf einem Wagen, hält die deutsche Revolutionsfahne, Zug zur Universität und zum Schloß, begeisterte Verbrüderungsszenen.

aus: Adolph Streckfuß, Die Demokraten


DER ANFANG DER BERLINER REVOLUTION
Das Beispiel der Bevölkerung von Paris Februar 1848 wirkte anregend auf die Berliner. Besonders die Barrikadenkämpfe wurden in wochenlangen Diskussionen vorbereitet.
„Von vorzüglicher Wichtigkeit war damals für das öffentliche Leben ein neu entstandenes großartiges Lese-Kabinett, weiches der Besitzer der Zeitungshalle, H. Julius, in Verbindung mit seiner neuen Zeitung eingerichtet hatte. Die Zeitungshalle, welche im Mittelpunkt der Stadt günstig gelegen war – sie befand sich in der Belle-Etage des Hauses an der Jäger- und Wallstraßen-Ecke – war der Sammelpunkt für eine große Anzahl von Berliner Schriftstellern und freisinnigen Politikern. Hier wurde mit einer Freiheit politisiert, wie sie bis dahin in Berlin unerhört gewesen war. Man sprach ganz unbefangen über die Pariser Barrikaden und benutzte das Thema, um daran förmliche Vorlesungen über den Barrikadenbau zu knüpfen.“
Beim Ausbruch der Revolution stellte Streckfuß einen Punkt positiv heraus, um den es ihm während des ganzen Jahres ging: den zum Sieg der Demokratie unerläßlichen Zusammenhalt von Bürgern und Arbeitern.
„Hier sah man zwei Männer einen schweren Balken tragen, der eben zu einer angefangenen Barridade benutzt werden sollte. Der vorderste war ein Arbeitsmann mit zerrissener Bluse, der andere hingegen ein Herr mit schwarzem Frack und feinem Hut, dessen goldene- Uhr und brillantene Tuchnadel deutlich genug für seinen Stand sprachen. An jenem schrecklichen, an jenem schönen Abend war alles gleich. Jeder war bereit, sein Leben im Kampfe für die Freiheit aufs Spiel zu setzen.“
Entsprechend dieser egalitären Begeisterung, die bis in den Sommer hinein anhielt, sprach sich Streckfuß in seinen Werken immer wieder für die Achtung der Proletarier aus. Doch die ungelöste Arbeiterfrage, die unter dem Schlagwort „die Organisation der Arbeit“ diskutiert wurde stellte den Zusammenhalt von Arbeitern und Bürgern dauernd in Frage. Der Wochenlohn eines Arbeiters lag damals in Berlin bei ungefähr 2 Talern, was kaum fürs Brot reichte. Wer krank oder arbeitslos wurde, mußte betteln oder stehlen, um nicht zu verhungern. Als Mittel zur Abhilfe dieser Not empfahl Streckfuß das Recht auf Arbeit.
Die Regierung und der Magistrat beschäftigten rund 5 500 Arbeitslose bei Notstandsarbeiten. Doch auch so war die soziale Frage nicht zu lösen, und die Einheit von Bürgern und Arbeitern zur Abwehr der Reaktion blieb gerade wegen den verelendeten Massen brüchig.
Auch bei Wolff ist zu lesen, daß ein großer Teil der Bürger ebenfalls unter Waffen stand (Wolff, 1898, S. 106). Bartnik/Bordon, 1976, meinen dagegen, das Bürgertum habe die Barrikadenkämpfe nur passiv unterstützt (S. 54b). Der Hinweis auf Zeitungsberichte soll mit den Gefallenenlisten gestützt werden, die vorwiegend Handwerker und Lohnarbeiter nennen. Handwerker sind aber doch wohl zum Teil zum Bürgertum zu rechnen.

DIE STRASSEN – „DIE POLITISCHEN SCHWERTER BERLINS“
Die Berliner Revolution erhielt wesentliche Anstöße von der sogenannten Straßendemokratie. Hier beteiligten sich vorwiegend Arbeiter, die freilich auch in den demokratischen Klubs, die nach den Barrikadenkämpfen entstanden, zahlreich vertreten waren. Das Leben der Straßendemokratie hat Streckfuß in den „Demokraten“ spannend zu schildern verstanden.

„DIE LIEBENSWÜRDIGSTE ANARCHIE“
Die Straßendemokratie prägte den Massen die Idee der Demokratie eindrücklicher ein, als es ein politischer Klub je vermochte.
„Diese freien Diskussionen auf Straßen und Plätzen waren nicht nur Tummelplätze für Nichtstuer, sie erzogen auch zu politischem Denken und gegenseitiger Duldsamkeit.“ 32)
So hat die Bezeichnung des Jahres 1848 als „die liebenswürdigste Anarchie“, wie sich Streckfuß 1850, beim Beginn des Reaktionszeitalters ausdrückte, etwas Sympathisches an sich. Diese revolutionäre Anarchie ist freilich nicht zu verwechseln mit Schreckbildern, wie die Herrschenden sie zu verbreiten belieben. Sie bedeutet viel eher, unter der Überschreitung allgemein verhaßter Einengungen, zugleich die kollektive Aufrechterhaltung eines von der übergroßen Mehrheit gewünschten Zustandes. Besser als je die Polizei garantierte das bewaffnete Volk die Anerkennung einer Sicherheit, ohne die sich der Kampf nicht durchhalten ließ.
„Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß an jenem 18. März, an dem Tage, an welchem das Volk sich ganz selbst überlassen, keiner polizeilichen Aufsicht unterworfen war, an welchem das hauptstädtische Diebesgesindel die beste Gelegenheit zu stehlen gehabt hätte, doch nirgend etwas anderes als Waffen genommen wurde.

Kommentar von Hellmut G. Haasis auf dem AUGUSTSTRASSEN-Blog 2009:
wo ist denn der alte roman von Adolf Streckfuß: die Demokraten. hingekommen? das war das beste buch zu den wirklichen demokratenkämpfen, nicht zu den sesselfurzern in allen möglichen schlafwagen-gremien.
hab ich mit hartmut boger rausgegeben. Wenn wir mal nicht mehr leben, erwarten wir einen gedenkkrank der berliner 48er-fans an unserem grabhügel. Übrigens war Streckfuß sehr weitsichtig, er beobachtete, wie sich auch schon damals neben der demokratie die kriminellen kreise in den VERBRECHERKELLERN tummelten.
na wer sagt’s, ein guter romanautor kann sogar die KRIMINELLEN BÄNKER vorausbeschreiben.
hoch die wirkliche demokratie, die der kleinen leute.
cordiali salut
hellmlut g. haasis

Zuerst erschienen im AUGUSTSTRASSEN-Blog, 20.07.2008